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Eine komische Geschichte, aber noch nicht fertig.

SCHATTEN ÜBER SCHWANEWALDE
oder LIEBE IST KEIN GESCHENK oder SOWAS
Werner Grüß
0.
Von einer Sekunde zur nächsten brach das Unwettter los. Den ganzen
späten Nachmittag schon hatte eine drückende, feuchte Schwüle über
dem Tal gelastet, jetzt rissen die schweren schwarzen Wolken auf, und
ihr Wasser ergoß sich wie ein Sturzbach über die Wälder und Wiesen.
Feurige Blitze zuckten gleißend und tauchten den tobenden Abendhimmel
in grelles Licht und zusammen mit dem rollenden Donner schienen sie
das Ende aller Zeiten mit dem folgenden Jüngsten Gericht anzukündigen.
Wenn man an sowas glaubte jedenfalls. Die Wettervorhersage hatte allerdings
schon sowas gemunkelt, präziser jedoch kann sie ja leider immer nocht nicht
sein.
  Der einsame graue regengepeitschte Wagen fand nur mühsam seinen
Weg durch die verschlammten Straßen, die zum Anwesen der gräflichen
Famile Harro von Schwanewalde führten.
Sein Fahrer stöhnte in unregelmäßigen Abständen gequält auf.
Er sah mit Bangen die Möglichkeit, im aufgeweichten, tiefen Boden
steckenzubleiben und fürchtete sie insgeheim. Deshalb fuhr er schneller,
als bei den widrigen Witterungsverhältnissen ratsam gewesen wäre.
  Hinter einer Gabelung der ungepflasterten Straße mußte er scharf bremsen.
Eine Kiefer - wohl vom Blitzschlag gefällt - lag quer über den schmalen Weg
und verhinderte ein Weiterkommen. Kurz vor dem Baumstamm brachte er den
schweren Wagen zum Stehen und vermied damit größeren Schaden.
Mit einigen spontanen und ungehörigen Worten kommentierte der Fahrer
diese für ihn so unerfreuliche neue Situation. Es goß wie aus Eimern, Kübeln,
Badewannen.
 Was nun? Der Fahrer mußte nachdenken. Sollte er hinaus, versuchen den Baum
beiseite zu ziehen, was zweifellos höchst unangenehm und beschwerlich sein
würde bei diesem Wetter? Oder wäre er besser beraten, den Wagen irgendwo
in den Büschen zu verstecken und die restliche Wegstrecke, durchaus einige
hundert Meter, zu Fuß zu bewältigen?
 Weder die eine noch die andere Möglichkeit behagte dem Fahrer sonderlich.
Er fischte aus seiner Jackentasche sein Zigarettenetui und zündete sich eine Lord
Extra an in der Hoffnung Nikotin könnte ein guter Katalysator des Entschei-
dungsprozesses sein, zumal ein derart edler Tropfen.
 Unentschlossen, aber auch verdrossen über die ganze Entwicklung der letzten
Stunden inhalierte er tiefe Züge, ekelte sich wie immer über den Geschmack
des Krautes und schaltete in Gedanken den Cassettenrecorder aus, der gerade
eine Sinfonie von Mozart spielte.
Mozart, dachte er dabei seltsam angewidert, ja aggressiv, na, der alte Sack hat
ja wohl seine beste Zeit auch schon lange hinter sich! Hungerleider, drecketer!
Er schaltete das Autoradio an. Es kamen gerade Kurznachrichten mit Stau-Schau,
als Infotainment pur. Eine strohblonde Sprecherin lispelte das Neuste vom Tage
vom Blatt und aß dabei eine Frikadelle.
Jedenfalls hörte sich das so an,
"...trafen sich die Außenminister der Europäischen Union. Ziel der Konferenz
sei sich auf einen einheitlichen europaweiten Standard von Einmachgläsern
zu einigen, so ließ das deutsche Außenministerium verlauten. Dazu Minister
Steinmann: Das leidige Thema vergiftet schon seit langem die supranationalen
Beziehungen und muss endlich vom Tisch, verdammt noch eins! KOBLENZ:
Aus einer psychiatrischen Klinik in der Nähe von Koblenz ist in den Mittags-
stunden ein Patient entwichen. Es handelt sich dabei um den sechsundzwanzig-
jährigen Baron Achim von Plötz. Der entflohene Irre ist noch neuesten Schät-
zungen etwa 1 Meter 73 bis 86 groß, hat blondes, fast kahlrasiertes Haar bis
zum Hemdkragen und trägt chice Anstaltskleidung, passende braune Schuhe
dazu. Vorsicht ist das Gebot der Stunde, denn man weiß nicht, was der Wahn-
sinnige plant. Wer den Entflohenen gesehen hat oder andere sachdienliche!
 -was ich leider wieder einmal betonen muß !! - Hinweise geben kann,
der zögere nun nicht länger, sondern rufe unsere Nummer 333 333 333..."
 Sichtlich gereizt schaltete der Fahrer des grauen Mercedes das Radio wieder aus.
Hastig zog er an seiner widerlichen Zigarette und schaute nervös auf seine
Armbanduhr. Es war 20.05 Uhr.
 Seit über sechs Stunden suchte man also schon den armen Irren und hatte ihn
 immer noch nicht gefasst. Die Pfeifen! Mein Gott, das konnte doch nicht so
schwer sein! Vielleicht war auch schon alles zu spät, vielleicht hatte das Unglück
nicht nur lämgst seinen Lauf genommen, sondern ihn schon beendet. Hätte er
doch nur schon eher von der Flucht erfahren! Jetzt wurde die Zeit knapp.
So oder so, er mußte schnellstens zum Haus der Schwanewaldes, es war sicher
die letzte Chance noch etwas zu retten.
Obwohl der Sturzregen keineswegs nachgelassen hatte, stieg er kurzentschlossen
aus seinen Wagen, eilte zum Hindernis, das sein Fortkommen vereiteln wollte,
und mühte sich die schwere Kiefer beiseite zu ziehen.. Schon nach Sekunden
war er völlig durchnässt. Dennoch brach ihm Schweiß aus, der nicht allein
von der Anstrengung herrührte. Gott im Himmel, betete er im stillen, hoffent-
lich ist noch nicht alles verloren. Lieber Gott im Himmel, hilf mir.
1.
Die junge Sophie von Schwanewalde, süße neunzehn Jahre jung, saß vor ihrem
Rasierspiegel und striegelte hingebungsvoll ihr gelegentlich so widerspenstiges
Haar. Goldschimmernde, lange, fettige Strähnen fielen auf ihre bezaubernden
alabasterfarbenen Schultern herab und behielten dort ohne zu klagen die ihnen
zugedachte Position. Nur die eine Strähne, die stets ins Gesicht ihr fiel, sträubte
sich wie so oft gegen die Behandlung von so zarter Hand und wollte sich nicht
fügen. Obwohl gerade dies Haarbüschel ihren Vater oftmals entzückte, unter-
schrich die freche Tolle doch, wie er fälschlich glaubte, das liebenswerte kecke
Etwas, das er an seiner Tochter so hinreißend fand, war es für Sophie hingegen
ein beständiges Ärgernis, das schon seit Jungmädchentagen ihre Existenz ver-
düsterte und dem sie am liebsten mit scharfer Schere den Garaus gemacht hätte.
 Doch so sehr sich die junge Adelige auch mühte, einmal mehr war der Strähne
mit den Mitteln der irdischen Frisierkunst nicht beizukommen.
  "Oh verwünscht!", entfuhr es der blutjunden Edelfrau, als sie sich endlich         
geschlagen geben und sich eingestehen mußte, daß die Strähne in ihrer Eigen-        
willigkeit obsiegt hatte. Erbost schleuderte sie mit dem ihr eigenen unbändigen        
 Temperament ihr untaugliches Instrument, die kostbare Wildschweinborsten-        
bürste, zu Boden und kippte den randvollen Aschenbecher darüber aus. Die        
Konturen der Kippen und Asche auf er Auslegware gemahnten sie an die süd-        
lichen Provinzen von Guatemala.        
 Einen Moment später hatte sie sich schon wieder im Griff, aber nun stieg wie        11.03.2008
aus dem Nichts diese unverhoffte namenlose Melancholie in ihr auf, die seit        
Wochen in unregelmäßigen Abstanden auf sie einwaberte. Tief in den Ritzen         
ihrer schwabbeligenSeele schwammen Tränen, sie drängten und schoben und         
wollten aufsteigen ans Licht zur Sonne, allein die junge Frau konnte sie tapfer,        
wenn auch mühsam, zurückhalten.        
   Was ist es nur, fragte sie sich einmal mehr verwundert, was in mir in letzter         
Zeit diese Traurigkeit hervorlockt? Nichtigste Anlässe genügten schon um das         
Bedürfnis zu weinen zu wecken. Höchst merkwürdig, kannte sie ansonsten         
vergleichbare Regungen nur, wenn sie sich im Farbfernsehen eine der populären
Unterhaltungssendungen anschaute. "Wetten dass.." zum Beispiel oder früher
"Die 100 peinlichsten Fernsehheinis". Es halfen keine Ausreden länger. Irgend-
etwas lag mit ihrer Seele im argen. Nur was? Nur watt?
  Allen Grund hatte sie doch heiter, ja fröhlich gar zu sein. Schon morgen
würde sie den wahrlich schönsten Moment ihres jungen Lebens genießen dürfen,
 morgen würde sie jauchzen und jubilieren und sich selbst auf die Schultern
klopfen dürfen, denn morgen war es soweit: Um Punkt 15 Uhr würde sie mit
ihrem Manfred, den von aller Welt gefeierten, nicht untalentierten Hirnchirurgen
Dr. Lohner, vor den Traualtar tretenund nicht einmal eine halbe Stunde später
ihr Jawort zu einer dauerhaften Verbindung mit dem angesehenen und äußerst
wohlhabenden Kerl sprechen. Wie sehr hatten doch ihre alten guten Eltern sie
zu dieser Ehe gedrängt, aber wie sehr hatte sie dann auch Manfred lieben gelernt,
als er sich in dendunklen Tagen, an denen sich die Geschehnisse um Achim
von Plötz,  ihrem damaligen Schwarm, überschlugen, um ihr Wohlergehen
gesorgt und damit neben diversen Geschenken ihr Herz gewonnen hatte.
  "Ach Achimili!" seufzte Sophie, denn so koste sie nach Jungmädchenart den
Namen des jungen Barons und ließ traurig den fettigen Schädel auf die stinkende
Kommode sinken. War es vielleicht doch Achim, der arme Irre, der ihr Herz
 im Griff hatte und mit Traurigkeit füllte? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht!!
Schließlich ist er ja heillos bekloppt! Ohne lange anzuklopfen meldete sich so
immer ihre Stimme der Vernunft. Die gute.
   "Liebste Tochter, wie?" Die dröhnende Stimme des Vaters schreckte Sophie
aus ihren Gedanken. "Wie? Fühlst du dich? Heute? Was? Am Vorabend? Wie?
Deines großen Tages?"
 Der Graf war ein Herr von 60 Jahren mit grauem Haar, das sicherlich würde-
voller und ehrfurchtsheischender wirken würde, wenn es einmal ordentlich
gekämmt werden würde. Auf der Nase trug er eine unmoderne Kassenbrille,
die auch auf seinen großen Ohren halt fand, und am Kinn das dünne, spitze
Bärtchen, das schon seit Jahrhunderten die Erstgeborenen des alten Geschlechtes
schmückte. Es wurde gemäß langer Tradition stets vom Vater auf den ältesten
Sohn vererbt und klebte dementsprechend schlecht.
 "Greulich Vater, Du" mußte Sophie ihn wieder einmal halb in Spaß tadeln,
"so kloppe doch bitte kurz an die Türe, so du mich hier oben besuchst! Wie
leicht könntest Du mich sonst blank und bloß ertappen!"
Der alte Graf knarzte nachsichtig, ignorierte die kühne Zurechtweisung und
entgegnete munter die Zähne fletschend "Aber, mein Kind, wie? Ich sah dich
vor - was? - neunzehn Jahren schon blank und bloß - wie? - allweil dich
damals deine Mutter mir entgegenhielt. Du erinnerst dich? Dunnemals?"
 Sophie hob neckisch den Zeigefinger und fuchtelte in der Luft herum. "Doch
damals war ich nur ein nackter Wurm, inzwischen bin ich als herrlicher
Schmetterling erblüht!" "Du warst mein süßer kleiner Fratz, Sophie, was?",
beteuerte der Graf, "und bu bist mein kleiner Fratz und wirst immer der Fratz
 Sophie schmunzelte verheerend, denn jede weitere Gegenrede würde
doch vergeblich sein. Vater, der gute alte Zausel, würde auch in Zukunft nicht
von seiner Abart lassen können. Er würde immer wieder in ihr Zimmer platzen
ohne anzuklopfen. Naja, so war er nun mal. Was willste machen.
 Doch nein! Plötzlich ward es ihr schmerzlich bewußt, gerade das würde er ja
schon bald nicht können, selbst wenn er's mit aller Macht anstrebte. Denn nur
heute noch war sie die natürliche, selbstverständliche Bewohnerin diese pracht-
vollen Hauses. Morgen dann hieß es Abschied nehmen und die folgende Nacht
schon würde sie in Manfreds luxuriöser Villa verbringen, hinter Thermopen-
scheiben von der Außenwelt geschieden die feingliederigen Füße von lauschiger
Wärme erzeugt durch Fußbodenheizung umschmeichelt. Ein ganz neues Leben
im gänzlich fremden Ambiente lauerte dort auf sie.
  Wahrscheinlich war heute sogar das unwiederbringlich letzte Mal, daß ihr
Vater so ungestüm in ihr Schlafzimmer eindrang. Künftig würde sie nur noch
Gast im eigenen Elternhaus sein, wohlgelitten gewiß, dennoch eine halbwegs
Fremde der gegenüber der Vater sich jede Vertraulichkeit so intimer Art
verknusen müßte.
"Ach, Vater", schluchzte Sophie und von Wehmut geschüttelt konnte sie die
Tränen nun nicht länger zurückhalten.
  "Ja, was? Ist denn? Mein Kind, wie?". Der Graf war vom spontanen Gefühls-
ausbruch seiner Tochter überrascht und rang hilflos nach Worten. "Du bist
doch nicht? Wie? Unglücklich, was? Am Tage, was? Vor deiner Vermählung?"
  Sophie mühte sich, konnte aber kein Wort über die Lippen bringen. Sie
sprang auf und umhalste den alten Grafen. Dicke Tränen rannen ihre Backen
hinab und tropften vom Kinn zu Boden, direkt ins südliche Guatemala.
Verwirrt und auch ein wenig besorgt erkundigte sich der treue Vater: "Sophie,
sprich, was? ist denn schon wie?der mit dir, was? Soll ich den Onkel Doktor
bestellen, damit er dir mal - was? - gehörig den.." "Oh, nein, so lass er nur",
unterbrach ihn's Töchterlein mit tränenerstickter Stimme, "es ist bloß...Morgen
schon werde ich nicht mehr bei dir und Mutter sein. Das zerrt natürlich!"
Der Graf, nun ganz freundlicher Vater, ja väterlicher Freund, drückte sie
daraufhin so fest an sein Herz, wie er's nie zuvor getan. Vater und Tochter
spürten in diesem Moment, wie's gemeinsame Blut in den Adern kochte und
schnauften vor Anstrengung.
Endlich gab der Graf seine Tochter wieder frei.
 "Entschuldige bitte". Sophie rang nach Atem und schnappte nach Luft und
inhalierte den Odem mit Macht. "Sicherlich hälst du mich nun für einen senti-
mentalen Bratfisch, Vater, aber ich kann..."
 "Backfisch, Sophie, wie?":
 "Aber gerade der bin ich nicht länger! Ich bin jetzt eine junge Dame und habe
die Gefühle einer jungen Dame und will mich nicht länger knechten lassen
von den Launen eines..."
 "So ist das, was? Mein Kind! Deiner Tränen mußt du dich nicht - was? -
schämen. Wie? Als ich seinerzeit deine Mutter auf Schloß Schwanewalde heim-
führte - was - empfand sie ähnliches, wiewohl ich sagen kann, dass sie mir
diese Eröffnung erst viele Jahre später zu tun getan tat und schon oft bitter
bereute - was? - hernach."
 "Treuer Vater, du! Es ist doch bloß, weil ich euch so liebe." Sophie trocknete
ihre Tränen mit dem feinen mottenzerfressenen Linnentaschentuch, das sie
von der inzwischen verblichenen Großmutter zum Bestehen der letztjährigen
Fahrradprüfung quasi als Anerkennung überreicht bekommen hatte.
  "Wir lieben dich - was? - auch, Sophie", sagte der Graf nun ernst. "Aber
den nächsten Schritt ins Leben musst du alleine tun. Wie? Mutter und ich
können dir nur beistehen und versuchen - was? - dir dabei zu helfen.
Natürlich nur ideell, keinesfalls materiell! Keine Mark! Und keinen Taler!!"
Das weißt du ja wohl - was? - wohl!"
  "Ja, ich weiß-ich weiß", entgegnete Sophie und lachte schrill. "Doch laß uns
jetzt ins Speisezimmer gehen und ein wenig zu Abend essen."
 Ja! Was? Ein wenig, wie?" sagte der alte Graf vergnügt und wetzte die
Zähne.
Im Speisezimmer saßen Sophies Brüder Max und Gundolf am schweren
bereits gedeckten Eichentisch hungrig wie stets und fest entschlossen
maßlos Nahrung aufzunehmen. Max war zwölf Jahre alt und hatte zahllose
dunkelbraune Borsten auf dem Kopf. Sein nur drei Tage jüngerer Bruder
Gundolf war schwarzhaarig, glich aber ansonsten Max wie ein Junge dem
anderen. Sie alberten fies aneinander rum, hielten aber sofort inne, als sie
Vater und Schwester gewahr wurden.
  "Ihr Schlingel, was?" brüllte der Graf aufs heiterste gestimmt, "habt schon
von der Vorspeise genascht, wie?"
  "So'n Quatsch" log Max völlig hemmungslos, obwohl noch ein Rest grüner
Wackelpudding an seinem Kinn klebte.
  "Beim Jupiter!" schimpfte sogleich der Vater, "mußt du denn immerzu lügen
was? Dein Kinn straft doch deine Rede lügen! Ab ins Bad und wasch dich,
Tunichtgut hundsföttischer, wie?" Murrend erhob sich der Junge und verließ
den Raum. "Und murre nur nicht, wie?" zürnte der Vater hinter ihm her.
  Bruder Gundolf lachte hämisch und hielt sich blöde den Mund. Das erregte
ebenfalls den Unmut des gestrengen Vaters. "Schadenfreude - wie? - zeugt
von einem verdorbenen, ja vergammelten Charakter! Dem sei ein Riegel vor,
was? Ein Riegel! Gundolf, geh, folge deinem Bruder unverzüglich und ent-
schuldige dich für - was? - deine ganz Mieshaftigkeit!" Um jeden denkbaren
Widerstand im Keim zu ersticken, fügte der Graf energisch hinzu: "Und unter-
lass nur - was? - jedes renitente Widerwort. Sei nicht obstinat - wie? - und
hinfort nun."  
 Sophie erkannte die unerbittliche Erziehung des Vaters wieder, die auch sie
genossen hatte. Hart, aber gerecht! So lautete sein ehernes Erziehungsideal, mit
jeder denkbaren Herzenswärme, doch keinen Widerstand duldend, so es sich
um Charakterbildung und Wesensschliff handelte. Ohne ein aufsässiges Wort
stand Gundolf auf und folgte dem Bruder, um ith sein Bedauern über die eigene
Niedertracht zu bekunden.
  Sophie lächelte verhalten. Ja, so ward auch sie erzogen, und selbst wenn sie
früher manches Mal so eine Behandlung durch den treuen Vater als kränkend
und demütigend, menschenunwürdig grausam gar, oder sadistisch und pervers
empfunden hatte, nun, in dieser Sekunde, begriff sie, daß sie ohne diese herbe
Pädagogik schwerlich die geworden wäre, die sie heute ohne Zweifel hier
am Frühstückstische harrend war.
  "Und nun - wie? - frisch zu Tisch." Der Graf klatschte einmal in die Hände,
sogleich kam der Hausdiener Albrecht mit einem Tablett auf dem Arm herbei-        
geeilt, auf dem ein Schälchen voll Vanillesosse stand, ohne die der süßen        
Speise der rechte Pfiff fehlen würde, wie jeder weiß. Hinter ihm schlurfte mit        12.3.
stumpfen Blick und hängenden vier Backen das Hausfaktotum Ludger, kurz        
Lui gerufen, das einen Krug mit Mineralwasser in der Hand hatte. Lui hatte        
man mal vor Jahren auf der Türschwelle gefunden und dann an Dieners statt        
aufgezogen. Albrecht erhielt sogar Geld für seine Tätigkeit, wußte aber nicht,        
daß der gute alte Taler kaum noch im modernen Wirtschaftsleben angenommen        
wurde.        
 "Ist Mutter noch nicht zurück?", fragte Sophie. "Wollen wir nicht noch warten        
bis sie zum Essen zu uns stößt?"        
 "Ach was!" Der Graf wischte mit einer unwirschen Handbewegung diesen        
Vorschlag vom Tisch. "Sie hat noch in der Stadt - was? Ja, was nur? - zu        
besorgen. Sicher für deine Hochzeit - was? - als ob wir nicht schon alles        
hätten. Sicher wird sie dort was essen, Albrecht hat ihr ja eine Butterbrotdose        
mitgegeben!"        
  "Die Arme!" Sophie rang mitfühlend die Hände. "Was macht sich die gute
Frau doch nur für Mühe wegen meiner anstehenden Heirat. Fast könnte ich
ein garstig Gewissen bekommen, wenn ich daran denke. Sicher reicht die
knapp bemessene Zeit in der Stadt nur zu einem kleinen Imbiß, und während
wir hier schlemmen, muß sie in der Ferne Hunger leiden um meinetwillen."
  Der Graf legte eine Hand auf Sophies Schulter und klopfte einen strammen
Rhythmus. "Sorge dich nicht, mein Kind, jedenfalls nicht um - was? - die,
Sophie, deine Mutter ist eine starke, dicke Frau."
 Sophie nickte. "Natürlich hast du wieder recht, Vater, aber dennoch."
"Außerdem mußt Du nie vergessen, Sophie - was? - mein Kind, deine Mutter
handelt aus Liebe, aus Liebe zu dir und was? Aus Liebe geschieht, ist das
nicht auch gern getan?" Der Graf schaut ihr fest ins Auge.
  Schwätzend traten Max und Gundolf herein und störten die innige Trausam-
keit von Vater und Tochter.
"Man spricht nicht mit vollem Mund!", tadelte sie vorsichtshalber sogleich
der Vater. "Aber ich habe doch gar nichts im Mund!", wehrte sich Max und
Gundolf behauptete von sich dasselbe. "Wie? Na dann is es gut, ich dachte
ihr hättet was im Mund gehabt beim - was? -Schwallen."
 "Nein, NOCH nicht!" bemerkte daraufhin der vorlaute kleine Max und sorgte
so dafür, daß sich im Nu alle am Tisch im herzlichen Gelächter über diese
lausbubenhafte Bemerkung vereint fanden. Ja, das war die familiäre Harmonie
im Hause Schwanewalde, die Sophie so sehr vermissen werden würde.
  "doch nun, laßt uns ein Tischgebet sprechen, wie?", bestimmte der Graf fest,
als die sich die ausgelassene Runde ein wenig beruhigt hatte. "Sophie, wie?
Möchtest du heute nicht unsern Herrn Jesus für die reiche Speise in meinem
Hause - was? - danken?"
  "Freilich, Vater", antwortete Sophie leichthin und begann unverzüglich derart
intensiv und inbrünstig zu beten, daß sogar die beiden Buben ergriffen lauschten
und ihrem Vater Tränen der Rührung vom Kinn tropften, als ihr letztes leises
Hallelujah verklungen war.
  "Das werde ich besonders entbehren", brüllte der Graf mit Stimme eines
Ertrinkenden und schlug seiner Tochter anerkenned auf die Schulter. "Mein
Gott, beten kann das Kind!"
  "Danke". Sophie war beschämt ob soviel Lob. "Aber dir bleibt ein Trost:
Ich bin ja nicht ganz und gar aus der Welt, nur weil ich Morgen von hier
gehe. Oft werde ich euch besuchen und - ich versprech's bei der Jungfrau
Maria - manches Mal noch das Tischgebet an dieser Tafel sprechen. Yeah.
Und jetzt gib mal den Pudding rüber, Max, alles brauchst du ja auch nicht
verputzen."
 Der eilfertige Graf kam seinem Sohn indes zuvor. Er griff zur Schüssel und
wurde unversehens gewahr, daß die vier Kirschen verschwunden waren,
die dem Wackelpudding wie Krönchen aufgesetzt worden waren. Sogleich
brauste sein Zorn auf. "Wer? Von euch Schlingels hat - was? - mehr als die
eine Kirsche genommen, die jedem von uns zugedacht war? Wie?"
Die beschuldigten Knaben schwiegen. "Heraus damit", drängte der Vater,
die Wahrheit ans Licht!"
 "Max war der gemeine Dieb!" Die Anschuldigung stand wie eine Giraffe
im Raum. "Du lügst, du Sau!" wehrte sich Max gegen die direkte Attacke
und trat quasi als Rufzeichen dem Bruder brutal ans Schienbein. "Der
ekelhafte Mundräuber bist du!"
Diese Szene verdroß natürlich den Vater noch mehr. "Genug, abscheuliche
Lümmel!" rief er aus, "Brüder seid ihr und beschuldigt euch gegenseitig der
Missetat? Was? Unerhört! Kain und Abel seid ihr, Siegfried und Roy! Sofort
geht ihr auf eure Zimmer, wo ihr hungernd über eure Sünden nachdenken
könnt. Was? Egal was! Egal, wer in seiner maßlosen Selbstsucht sämtliche
Kirschen verschlang, BEIDE habt ihr euch - was? - skandalös betragen!
Hinauf hinweg hinfort nun, auf eure Zimmer, später mag Albrecht euch etwas
trocknes Brot und einen Krug mit brackigem Wasser bringen, damit ihr nicht
gänzlich ungestärkt den Tag bestehen müßt. Und nun, was? Aus meinen
Augen!"
Schwer betroffen über dieses harte Urteil des gestrengen Vaters kuschten
die Jungen und verließen den Raum mit gesenktem Kopf und hängenden
Kiefern.
"Und keine - was? - Widerworte mehr", rief ihnen der Graf noch hinterher.
"Keine? Was?" "Nein, Vater", entgegnete Max, der wahrhaft Schuldige,
kleinlaut und trollte sich. Natürlich begab er sich mit seinen Bruder, wie
nach derartigen Sanktionen üblich, ohne lange Umwege direkt in die gräfliche
Speisekammer und machten sich dort über die Einmachgläser mit Pfirsichen
her.
"Bist du nicht ein wenig zu streng mit den Buben?", lachte Sophie, während
sie ihrem Körper Wackelpudding verabreichte.
  "Wer keine - was? - Selbstdisziplin übt, ist für künftige Führungsaufgaben
in Wirtschaft, Politik und Kultur - was? - keinesfalls geeignet." Auch in dieser
Beziehung verstand der Graf keinen Spaß. "Keiner darf - was? - Menschen
führen und leiten, der sich nicht selbst zu zügeln weiß."
  "Sicherlich hast du Recht", stimmte Sophie zu. "100%"
  "Dein Sentiment ist - was? - nur allzu bezeichnend für dein schwaches
Geschlecht, liebe Sophie. Auch deiner Mutter, dieser prächtigen dicken Frau,
brach - was? - so mamnches Mal das zartbesaitete Herz, wenn ich meine Brut
zu pflichtbewußten Edelmenschen zu formen trachtete, was nun mal - was? -
schier unumgänglich mit gewissen Härten und Uerbittlichkeiten einhergehen
muss. Doch auch mein Herz - was? - blutete deswegen gelegentlich!"
 Ja, dachte Sophie, so isser, der treue Vater, herzensgut, doch gnadenlos
und grausam, wenn's um die Prinzipientreue geht. "Ich bewundere deine
Prinzipentreue, Vater, aber der Pudding ist auch lecker, ist er nicht?" sagte sie.
"Ja, wunderbar! Außerordentlich wohlschmeckend, was? Ja, wenn unsere
brave Adelheid, die ich schon als Kleinkind an Köchinen statt in dies edle
Haus aufgenommen habe, etwas versteht, dann ist es die rare Kunst - was?-
in diesen turbulenten Zeiten eine Götterspeise zu braten, die diesen Namen
verdient."
 "In der Tat, Vater, in der Tat! Selbst der Heilige Christopherus mag in seinem
Leben keine bessere geschmecket haben!", schwärmte Sophie.
 "Und der war ja nun wahrhaftig ein rechter Kenner der süßen Vorspeise",
dröhnte der Graf und schlug zur Bestätigung mit der Faust auf den Tisch,
daß das Geschirr hüpfte.
  "Das wollte ich damit ausdrücken", sagte Sophie erschrocken.       
 "Doch nun, was?" sagte der Graf, während er eifrig den Pudding in sich        13.3.
reinschaufelte, "erlaube mir ohne Umschweife - was? - abzuschweifen auf's       
Wesentliche: Sophie, wann? wird denn Doktor Lohner, der anerkannte Hirn-       
schneider, was?, und dein künftiger Gemahl, hier auf Schloß Schwanewalde       
eintreffen?"       
Sophie zögerte einen Moment, weil auch dies wieder eine Zeile mehr ergibt.       
"Er ist schon überfällig, Vater! Er wollte bereits, so versprach er's, zum        
Abendessen bei uns sein und unsere Runde mit seinem dicken Leben       
komplettieren."       
"In seinen Kreisen - was? - mag Unpünktlichkeit vielleicht nicht verpönt sein",       
bemerkte der Graf und runzelte ungehalten Stirn und After, "ich hingegen       
kann's nicht goutieren."       
"Bittebitte, Vatilein, sei nicht gar so streng mit meinem lieben Manfred! Ich       
vermute, die Unbillen der harschen Witterung haben das ihre dazu getan, daß       
er nicht längst bei uns sitzt. Du weißt doch, wie gerne er sitzt. Aber von       
Koblenz bis hier ist's ein weiter Weg, und der Gegenverkehr ist heutzutage
enorm, außerdem stürzt der Regen in Massen vom Himmel, die Noah zum
Archehobel hätten greifen lassen."
 "Fürwohl", steuerte der Graf flugs in milderes Gesprächsklima " bei diesem
Unwetter mag's beschwerlich sein, ein Automobil sicher nach Schwanewalde
zu lenken, einen Mercedes - was? - zumal. Er wird schon noch - was? -
kommen.
"Wir sollten erwägen, ein wenig von diesem herrlichen Pudding für ihn zu
bewahren. Wenn er später von den Anstrengungen der Reise gebeutelt hier
eintrifft, wird eine derartige Stärkung freilich kaum ungelegen kommen",
sagte Sophie und füllte ihren Teller erneut.
 "Was? Bist du doch nur nur für eine treffliche Gastgeberin, Sophie. Glücklich
darf sich dein künftiger Gemahl preisen so einen Goldschatz für sich gewonnen
zu haben."
 "Tja", sagte Sophie. "Aber eigentlich bin ich auch nur ein Mädchen wie jedes
andere." Es fiel ihr nicht leicht, derart Bescheidenheit zu heucheln, aber sie
spürte, daß es sein mußte, wollte sie noch mehr Lob rauskitzeln.
 "Unsinn, Sophie, ein Mädchen mit deratigen Vorzügen findes schwerlich
seinesgleichen." lobte der Graf zügi weiter und leckte von sparsamer Lebens-
führung getrieben sein Puddingschälchen ausleckte.
 Sophie schwieg nach dieser erneuten Belobigung und entschied sich, daß
die gute Stimmung nun weit genug gediehen war, um nun das Gespräch
endlich in unbekannte Gewässer zu lenken. "Unser Nachbar, der Baron von
Plötz, hat mir eine Glückwunschkarte zukommen lassen", flüsterte sie fast
unhörbar.
 "Was? Wie?". Die Schlabberohren des Grafen spitzten sich augenblicklich,
die Brille beschlug von innen und die Zähne knarzten. "So wagt dieser - was? -
Abkömmling eines verruchten Geschlechts etwa mein Haus mit einem
Schreiben von eigener Hand zu besudeln?"
 "Bittebitte, Vatilein, beruhige dich doch", suchte Sophie dem Sturm zu
trotzen, es ist nichts weiter, nur eine freundliche Geste des Barons. Gewiß
ohne Arg verfasst."
 "Still, Sophie, schweig! Der Name des Nichtswürdigen soll an meiner Tafel
nicht genannt werden. Was? Das müßtest du doch wissen."
 Doch tapfer, unbeirrt vom entfesselten Wüten blieb Sophie beim heiklen Thema.
 "Vater, ich muß mit dir dennoch weiter darüber sprechen. Ich glaube nämlich,
daß diese Karte mehr bedeutet als eine rein formelle Verpflichtung eines
Nachbarn. Vielleicht will der Baron damit ein zartes Pflänzchen setzen, weil
er des unseligen Streites müde ist,  der seit Jahrhunderten die Geschlechter
Schwanewalde und Plötz entzweit."
 "Niemals, Sophie, niemals!" Der Graf erhob sich und seine Stimme. "Niemals
wird Eintracht sein zwischen Plötz und Schwanewalde! Niemals, solange
ich lebe und die Geschicke meiner Familie bestimme!"
  "Dennoch hab ich den Baron und seine Gemahlin zu meiner Hochzeit geladen!"
Sophie sprach mit aller Entschiedenheit. Niemals zuvor hatte sie gewadt, so
mit ihrem Vater zu reden.
 "Was? Was? Was? Was?". Den alten Vater rührte der Schlag, er griff sich ans
Herz und rang wie asthmatisch nach Atem. Dann ließ er seinem Zorn endgültig
alle Zügel schießen. "Du hast wahrhaftig diesen Abschaum des deutschen Adels
zu deinem Ehrenfest gebeten? Narrt mich denn ein Spuk? Diesen Sproß
einer gammeligen Raubritterknappschaft? Diesen Empörling, den nicht
mal Kaiser Otto grüßte? Diesen feisten Plebeyer, der kaum satisfaktionsfähig
ist? Ja, Sophie, ist denn der leibhaftige Gottseibeiuns in dich gefahren?
Sprich, Tochter, meinen Lenden - was?- Entsprungene?"
 Sophie brach in Tränen aus. Gewiß, sie hatte nicht damit rechnen dürfen,
daß ihr Vater mit Begeisterung auf ihre Eröffnung reagieren würde, aber
seine derart schroffe Ablehnung zerstörte jegliche Hoffnung, es möchte
irgendwann zu einer so wünschenswerten Annäherung der beiden verfein-
deten Familen kommen. Allein Starrsin stand ihr entgegen.
 Doch Sophie blieb fest. "Vater, ich bedauere, daß du so denkst und ich dich
verstimme, allein, es bleibt bei der Einladung. Ich kann sie nicht mehr rück-
gängig machen, ohne den Baron und die Baronin zu brüskieren. Und das
will ich nicht! Und das kann ich nicht!"
  "Kind, Kind, wie konntest du nur? Was? Mich so enttäuschen. Stets habe ich
dir den Hass auf alle Plötzens eingeimpft, doch scheint's vergeblich. So ist's
denn unabänderlich?  Was? Oh, schrecklicher Gedanke: Dieser wilde Mann
in meinem Haus, unter meinem Dach? Was? Vielleicht bringt er auch noch
seinen Sohn mit, der in den Klauen des Wahnsinns gefangen ist. Oder gar
sein Weib! Diese kratzende Bürste!"
Sophie spürte eine spitze Lanze in ihr Herz fahren, als sie die Anspielung
auf Achim vernahm."bitte, Vater, rede nicht weiter so unmenschlich. Du
weißt doch so gut wie ich, daß Achim, der arme junge Baron, unschuldiges
Opfer eine schlimmen Infektion wurde, die seinen Geist so sehr trübte."
 "Ach was!", der Graf winkte energisch ab, als offeriere man ihm eine ver-
dorbene Speise, "glaube doch das nicht! Es ist nur ein Gerücht, was dieser
Plötz", er spuckte den Namen seines Feindes aus wie grünen Auswurf,
"verbreiten ließ. Was? Infektion? Mumpitz, sage ich! Was? Kohl, Humbug,
Zinnober! Der Wahnsinn liegt im schlechten Blut der elenden Familie! Es ist
ein verrottendes Geschlecht. Jeder weiß das! Was? Jeder sagt das!"
 "Vater, du verletzt mich aber ganz schön", entgegnete Sophie, fühlte ihr Blut
wallen und die Sinne schwinden. "Doch ich verteidige keinen Plötz! Ich ver-
suche allein der Wahrheit das Wort zu reden. Aber jetzt mußt du mich ent-
schuldigen, sonst läßt mich noch mein Migräneanfall mich hier geradewohl
aufs Pflaster schlagen!"
 "Was?", der Vater griff fest ihr Handgelenk, um sie zu sich zu ziehen.
"Begreife doch, du dummes Kind! Versteh! Niemals kann ich mit diesem
Mann und seiner kratzenden..."
 Sophie jedoch schnitt ihm ins Wort, riß sich mit einem Ruck aus seinem
festen Griff und strebte davon. "Vater, nun Schluß, ich muß mich nun zurück-
ziehen! Mein Rheuma, du verstehst!"
 Nach diesen heftigen Sätzen lief sie hinaus ohne die weiteren Auslassungen
des Grafen zu achten, die sich allerdings auch in einigen "Was?" und "Was!"
erschöpften.
In ihrem Schnarchzimmer, der stets Zuflucht bot, wenn Kummer sie grämte,
warf sich Sophie weinend und hadernd aufs breite Bett.
Warum nur, war der Vater stur? Warum nur, so hartherzig und engstirnig?
Konnte er nicht begreifen? Und wenn nicht, warum nicht, und wenn was?
Was war denn nur so Schlimmes daran, wenn sie den adeligen Nachbarn,
Nachbar gewiß, aber adlig auch, zu ihrer Heirat lud? Die Bornierheit des
eigenen Vaters ließ sie erschaudern. Bornierheit, warum? Bornierheit, wozu?
Ach, ach, ach, es war zum Männermelken, derart absurd. Und alles nur wegen
eines antiken Zwistes, dessen Ursache tief im Schutt der Familiengeschichte
verborgen lag, unauffindbar für jeden Lebenden. Es hatte wohl was mit
Massenmord, ja Genozid zu tun, soviel wußte sie, aber Einzelheiten von so
altem Kram z.B. wer an wen warum oder detaillierteres hatten Sophie noch
nie interessiert. Darüber kann ich doch nur schmunzeln, nicht mal lachen,
pflegte sie bräsig zu sagen, wenn's darum ging. Sie war nun mal ein Mädchen
und Mädchenkram war's, was sie lockte.
Doch weshalb?, stob ihr plötzlich durchs Hirn, weshalb bin ich eigentlich so
sehr involviert? Ja, was geht mich denn der dicke alte Baron von Plötz an?
Und seine Frau? Kratzende Bürste ist ja nun keine unzutreffende Beschreibung
dieser fiesen Person! Sophie besann sich und mußte sich eingestehen: Als der
Name Achim fiel verlor sie die Contenance, das war doch recht eigentlich
der Moment, in dem ihr Verstand aussetzte. "Ach, Achimili", seufzte sie schwer
und griff sich wie spielerisch ans Mieder.
 Es klopfte. Sophie zögerte einen Momang, ob sie die Stimme zum Herein
erheben sollte. Sicher war's der Vater. Nein, den wollte sie nun gar nicht
sehen. "Komm rein", rief sie.
Es war der Bruder Max. "Na, weinste wieder, olle Heulsuse?" fragte er frech,
ja kühn, nichts ahnend in seinem kindlichen Gemüt von den Kümmernissen,
die's Erwachsensein mit sich bringen. "Hast auch 'ne Kirsche gemopst, alte
Kuh?"
 "Verschwinde, dummer Bengel", fauchte Sophie und schleuderte dem jungen
gefühlskalten Rohling ihr Kopfkissen ins Gesicht. Max verschwand mit rüden
Ausdrücken auf den Lippen, nicht allerdings ohne seiner Schwester vorher
noch schnell die Zunge zu zeigen.
 Sekunden später klopfte es erneut. "Hau ab, du blödes Arschloch, oder ich
verknote Schwanz und Sack!", brüllte Sophie in Richtung Tür, erneut den
dreisten Bruder davor vermutend.
Langsam öffnete sich die Tür, und der Graf trat herein. "Was? Derbe tadelnde
Worte findest du für deinen Vater." sagte er kleinlaut.
 "Oh, entschuldige, Vater." Sophie stand flugs auf und zupfte ihr Brusttuch
zurecht. "Ich dachte, es sei der Max, dein Sohn, der mir wieder mal einen
seiner albernen Streiche spielen wollte."
 "Entschuldigen möchte und muß ich mich", bedauerte der Graf und biß ins
Büßerhemd,. "Vielleicht habe ich eben - was?- zu unbeherrscht reagiert.
Schließlich ist es deine Hochzeit, liebes Kind, und zu dem frivolen Fest
darfst du einladen, wen immer du möchtest."
 "danke, guter Vater" antwortete Sophie gerührt und geschüttelt ob soviel
Entkommens. "Ich weiß zu schätzen, was dies für dich bedeutet."
 "Nun, morgen werden der Gäste manche sein, daher muß ich nicht unbe-
dingt mit dem unsäglichen Plötz zusammentreffen. Was? So mag er denn
kommen der Strolch! Und von meiner Toleranz und Weiherzigkeit profitieren!
Ich fürchte nur, er wird sich dieser Ehre schwerlich würdig zeigen."
 Oh, danke, danke, lieber Vater, liebes Vatilein, ja Vatsch", jubelte Sophie,
umschlang den bösen Greis und wollte im Überschwang noch viel mehr
Positives daherlügen, wenn nicht Hausfaktotum Lui sie abgelenkt hätte.
Es stand unversehens in der Tür, sein Blick flackerte abnormer denn je.
"Holla, da is eyner!" sagte er.
 "Donnerwetter, Lui, was? Wie oft muß ich denn noch sagen, daß du - was?-
anklopfen sollst, bevor du irgendwo eindringst." der Graf war schon wieder
vergrätzt.
 "Hiiiiiiiiiiiiiiii", kreischte der Bedienste und versteckte den Kopf unter beiden
Armen. "Nichschlagn, nichschlagn, Meister!"
 "So beruhige dich doch", suchte Sophie wie so oft den Wind in ruhigere
Gewässer zu lenken. "Wer begeht denn Einlaß?"
 "Großer böse Mann! Böser großer Mann! Mann! Groß! Böööse!" brachte Lui
stammelnd hervor und zog beide Schultern ein, als sei schon zuviel gesagt
und die Schläge der Rache prasselten sogleich auf ihn nieder.
 "Wie? Was? Ein böser Mann?". Der Graf war natürlich wieder aufgeregt.
"Doch wohl nicht schon der alte Plötz? Was? Das wäre gar zu starker Tobak
nun denn? Was? Und im Schlepptau vielleicht sein Weib, die kratzende.."
 Lui schüttelte nur eifrig und ausdauernd den leeren Schadel. Schwer, porös.
 Der Graf insistierte, drang weiter auf Antwort. "So rede doch, was? - Lui.
Wer drang ein in unser Haus? Der alte Plötz? So wehe ihm! Wehe ihm!"
"Nein, ich bin's, der brave Manfred!" Eine rostig schartige Stimme erklang   
im Flur, und flugs schob der schmerbäuchige Doktor Lohner den angst-   
schlotternden Bediensteten beiseite und trat jovial winkend ins Zimmer.   
Der Medizinmann hatte die Vierzig längst überschritten, sah aber älter aus.    14.3.
Auf dem schroffen Schädel fanden kaum 1000 Haare ihr Auskommen,   
sein voller Bart war rötlich gesprenkelt und die dicken hängenden Backen   
zierten zahlreiche Narben, die er sich angeblich beim edlen Mensurfechten   
zugezogen haben wollte. Wahrscheinlicher war indes, daß sie vom unsach-   
gemäßen Umgang mit Seziermesser oder ähnlichem herrührten.   
  "Oh, Manfred, du bist es ja nur", Sophie stöhnte erleichtert.
  "Guten Abend, Medicus!" Der Graf stand auf und streckte dem Gast eine
Hand entgegen. Dr.Lohner ergriff sie beherzt, schüttelte sie, daß es nur so
eine Bewandnis hatte und lächelte verhalten. "Ja, ich bin es selbst. Guten
Abend, lieber Graf! Guten Abend auch dir, liebste Sophie."
  "Lui, du armes Stück Mensch, verschwinde aus meinen - was? - Augen!
Wie konntest du nur meinen Schwiegersohn in - was? - spe mit einem bösen
Mann verwechseln?" Der Graf trat mit einem Fuß nach dem tumben Diener,
der immer noch mit offenem Mund lüllend in der Tür stand. "Geh und hilf
Adelheid in der Küche! Geh stante pede!" Lui trollte sich tatsächlich, aber
man sah, daß er noch etwas sagen wollte.
 "Ein unglaublich beschränkter Mensch", schimpfte der Graf. "Ich weiß gar
nicht - was? - in seinem kleinen Kopf vorgehen mag. Was? Wenig genug
vermutlich."
  "Sie müssen mir versprechen, mir sein Hirn zu überlassen, wenn es einmal
eingehen sollte", bat Dr.Lohner, "denn per professione bin ich natürlich immer
an solchen abnormen Objekten äußerst interessiert."
 "Aber selbstverständlich - was? - Doktor, das verspreche ich ihnen gern.
Ich fürchte nur - was? - sein Hirn ist viel zu klein, als daß sie ihr Messer auch
nur irgendwo ansetzen könnten."
 "Harch-harch-harcccch", lachte daraufhin der Hirnchirurg aufs unappetitlichste
und krümmte dabei beide Mundwinkel nach unten. "Ein guter Scherz, mein
lieber Graf! Lange habe ich nicht mehr so herzhaft lachen müssen. Aber ich
kann sie beruhigen: soviel Masse wird sein Schädelinhalt sicher haben.
Zu klein! Nicht ansetzen! Graf, sie sind ein wahrer Schelm!"
 Sophie verdroß dieser rauhe Dialog. Sie fand den Moment aber auch günstig,
um einmal ihre Intelligenz ins rechte Licht zu rücken. "Ich bitte euch, können
wir nicht das Thema wechseln? Ich finde es ein wenig geschmacklos.
Für mich ist es sowieso unmöglich, daß es auf dieser Erde überhaupt wahre
Intelligenz geben kann. Immerhin dreht sich die Erde unglaublich schnell um
sich selbst, dazu rotiert sie noch schneller um die Sonne, dazu zwirbelt sie
dabei auch noch irgendwie elliptisch hin und her, dazu rast sie mit der Sonne
durch die Milchstrasse, die sich dazu wie alle Galaxien auch schnell vom Punkt des
Urknalls entfernt, und das alles in einem unglaublichen Affenzahn, wobei jedes
Gehirn diese Bewegungen mitmacht, ergo permanent in alle Richtungen
schwappt und wallt und wabert und  unter solchen Umständen soll sowas wie
Verstand wachsen und gedeihen? Nicht mit mir jedenfalls."
 "Das Wort "Affenzahn" will ich in meinem Hause nicht hören", murrte der
Graf. "Doch bevor wir - ich hoffe standesgemäß - was? - weiterplaudern,
sollten wir uns in den Salon begeben. Die Atmosphäre dort scheint mir einer
zwanglosen Konversation unter Männern eher angemessen. Was? Ich werde
auch noch einige prima Stellen, die ich meiner Bibel fand, vortragen, lieber
Doktor."
 "Gut", befand Dr. Lohner und sagte zu Sophie gewandt "Du kommst doch
später auch, Liebste?"
 "Ja", sagte Sophie nur und spürte ihr Hirn schwappen.
2.
Der Salon war ein zugiger Raum auf der Ostseite, der wahrscheinlich noch
nie beheizt worden war, daher lag eine klamme Feuchtigkeit in der Luft und
kroch die Wände herab. Mittelpunkt des Zimmers bildeten einige verstaubte
Sitzgelegenheiten, die offensichtlich spätestens ausgangs des Rokoko schon hätten
zu Klump geschlagen werden müssen. Aber auch das wurde offenbar ver-
säumt. Für ein wenig Behaglichkeit, wenn man denn dieses Wort mit Gewalt
benutzen will, sorgte allein die mächtige Schirmlappe mit der flotten Glühbirne,
die ein gar anheimelndes Lichtlein warf und verschiedene Regale beleuchtete,
die die hauseigene Bibliothek beherbergten. Sie bestand durchweg aus abge-
griffenen Schwarten mit Titeln wie "Der Großadel im Wandel der Zeiten"
oder "Das kleine Buch der großen kleinen Männer" oder "Herrsche und lache
auch dabei - Regieren kann jeder".
  Als Sophie den Salon betrat, bemerkte sie gleich, daß es mit der Stimmung
der beiden Männer nicht zum besten stand. Ihr Vater zog mißmutig an einer
billigen Zigarre, ihm gegenüber saß Dr.Lohner, die Hände tief in seiner Jacken-
tasche vergraben starrte er den Grafen eindringlich an.
  "Ei, so ernst, ihr beiden? Waren die Bibelstellen so nachdenkenswert? Oder
langweilt ihr euch etwa ohne mich?"
 "Geschäftliches - was?", antwortete der Graf äußerst kurz ab und Sophie spürte
sogleich, daß das hieß, sie solle nicht weiter fragen. Um ein Gespräch
unbesorgterer Art zu beginnen, fragte sie den Doktor, wie anstrengend sich
denn die weite Anreise gestaltet habe.
Dankbar nahm Dr.Lohner die Frage auf. "Die Fahrt war eine durchaus anstren-
gende, wiewohl mit wenig Turbulenzien, dafür reichlich Flatulenzien gesegnet.
Kurz hinter Koblenz - die Stadt lag linkerhand im frühen Feierabendverkehr-
setzte unversehens starker Regen ein, der sich ständig nährte und nährte,
bis ich ihm gänzlich ausgeliefert war. Auf dem letzten Kilometer Schloß
Schwanewalde hinan wäre ich bald mit meinem Wagen steckengeblieben
im Schlamm, ich weiß nicht, schlammschlamm, was ich getan hätte, wenn
 ich tatsächlich im Schlamm..."
  "Dr. Lohner, ein Anruf für sie!" Hausdiener Albrecht stand mit erhobenem
Zeigefinger in der Tür. "Ich habe das Gespräch ins Rauchwarenzimmer gelegt,
wenn sie nun bitte kommen möchten."
  "Danke, guter Albrecht, ich komme sofort." Dr. Lohner schien überrascht.
"Keinen blassen Schimmer, nein, keine feuchte Vorahnung, wer mich ausge-
rechnet jetzt und hier zu stören wagt."
  "Gehen sie nur, Doktor, was? Sagte der Graf. Der Medziner folgte Albrecht
ins Nebenzimmer und schloß die Tür hinter sich ab.
 Sophie setzte sich aufs muffige Sofa neben den Vater. "Bist du verrückt,
lieber Guter?", fragte sie nach einer Weile, in der sie nur stumm neben ihm
gebrütet hatte.
  "Was?" fragte der Graf entgeistert.
  "Oh, pardon moi", stellte die Tochter den Lapsus der Zunge sogleich in
die richtige Ecke. "Ich habe mich versprochen: Ich meinte, bist du bedrückt,
Vater, lastet Unbill auf Gemüt und Herzen?"
  Der Graf zuckte die Achseln."Ja, es gibt ein durchaeus heikles, schwerwiegendes
Problem! Ja, zwischen dem Doktor und mir. Was? Jaja! Doch ich kann und möchte
mich hier und jetzt - was? - nicht näher darüber auslassen. Ich danke dir,
Sophie, aber kurzum: Ich will nicht - was? - darüber sprechen."
  "Wo Mamatschi nur bleibt?", fragte Sophie.
  "Wer bitte?"
  "Muttsch!"
  "Was? Wer? So drück dich doch verständlich aus, Kind."
  "Mutter! Wo bleibt sie nur?"
 "Ach, die, die wird wohl vor dem Unwetter irgendwo Zuflucht genommen haben.
Sophie, was? Mach dir doch um die keine Sorgen, die ist ja nicht aus Zucker.
Außerdem ist doch Bernhard mit ihr, unser Chaffeur und Wagenlenker, der
umsichtigsten einer unter unseren Bediensteten."
 "Ja, Vater, das ist er fraglos. Dennoch. Ich kann nicht verhehlen, daß ungute
Ahnungen mein Herz umfassen, ja würgen."
 "Belaste doch dein hübsches Köpfchen - was? - nicht mit fruchtlosen
Grübeln und Graubeln! Deine dicke Mutter wird gewiß schon bald zurück-
kommen."
 "Nein, Vater, du hast Recht. Ich bin nun beruhigt."
 "Kind, höre auf dich mit sinnlosem Sinnieren und Sorgen zu martern - was? -
Deine Mutter kehrt bald heim, gewiß".
  "Ja, Vater, meine Sorgen sind sinnlos, ich weiß".
 "Drum halte doch bitte ein mit dem fruchtlosen Grübeln und Graubeln.
Sie wird zurückkommen - was? - deine Mutter!"
  "Nein, Vater, ich..."
  "Dochdoch", unterbrach sie der Graf, "glaube mir, die kommt zurück. Sie
ist noch immer zurück gekommen." Der verquaste Dialog hätte sicher nie
ein Ende gefunden, wenn nicht Dr. Lohner wieder das Zimmer betreten hätte.
Er wirkte bedrückt und ließ die Backen länger hängen denn gewöhnlich.
  "Nun, lieber Manfred, fragte Sophie von Neugier gebeutelt, "wer war denn
am Fernsprecher? Es gibt doch nicht schlechte Nachrichten oder?"
  "Was? Schlechte Nachrichten?" Erregt und freudig sprang der Graf auf.
"Es wird doch wohl nicht meiner lieben Emily etwas zugestoßen sein?
Ein Unfall auf regennassem Geläuf vielleicht? Was?"
  "Oh, grundgütiger Gott!" Sophie zitterte wie ein Zitherspieler am ganzen
Körper. "Mamatschi! Mutsch! Sag die Wahrheit, Manfred! Es ist doch wohl
nichts mit Mutter geschehen? Die Straßen? Gar regennaß! Wie leicht schlittert
man dahin und der Straßengraben, wie nah er dann schnell sein kann!
  Dr.Lohner trat flink hinzu und faßte Sophies Hand. "Neinnein, so be-
ruhige dich nur, Liebste, mit der Gräfin ist nichts geschehen. Es war nur ein
alter Schulkamerad von mir am Telefon. Ich wollte mir nur zur anstehenden
Hochzeit mit dir gratulieren und uns seinen Segen spenden."
  "Und will er - was? - kommen", fragte der Graf mißtrauisch.
  "Nein, Zeit und Lust verhindern es!"
 "Gottseidank, was?" Der Graf sank erleichtert wieder in den schweren Sessel
 nieder. Staubschwaden stiegen auf. "Da haben sie uns mit ihrem - was? - leicht-
fertigen Gerede über meine gute Frau aber einen schönen Schrecken eingejagt,    
Doktor".   
  Dr. Lohner äußerte sein Bedauern über dies Mißverständnis und setzte sich   
in einen Sessel zur Rechten Sophies. Er nahm ihre Hand und drückte sie fest.   
In der anschließenden Konversation versuchte er sichtlich seinen katastrophalen   
Gemütszustand mit öden Redensarten zu übertünchen, was ihm aber nur   
allzu unvollständig gelingen wollte. Die Unterhaltung war zähflüßig und   
bemüht.   
 Manchmal stöhnte Sophie bitterlich, und ihr Vater suchte sie damit zu trösten,    16.3.
daß ihre Mutter ja gewiß als bals wiederkehre. Manchmal stöhnte Dr. Lohner,   
und beeilte sich ihn zu versichern, daß sich ihre Sorgen um den Verbleib der   
Mutter längst verflüchtigt hätten. Manchmal stöhnte auch der Graf, und Dr.   
Lohner und Sophie fanden schnell billige Worte für ihn.   
  Endlich öffnete sich die Tür des Salons. "Mutter", rief Sophie aufs geradewohl   
"Emily? Was?", brüllte der Graf. "Ja, was ist denn schon wieder", murrte Dr.   
Lohner, denn es war nur Lui, der geistig lahmende Bedienstete.   
  "Große böse Mann!" sagte er erregt, und seine Arme rotierten dabei. "Draußen!
Mann, groß und böse!"
  "Armseilger Tor", schimpfte der Graf "verschone uns doch mit -was?- deinem
hirnlosen Geschwätz!" Allein Lui ließ sich nicht beirren und trotze dem Gegend-
wind, den er entfacht hatte. "Draußen! Mann!" entfuhr's ihm ein ums andere
Mal und er zeigte aufgeregt in Richtung Fenster. Während der Graf ihn an-
sprang und fest im Schwitzkasten niederwürgte, ging der Doktor entschlossen
zum Fenster und grunzte jovial: "Aber das ist doch nur der Bernhard, der
gute Chaffeur. Und die Frau Gräfin ist auch zurück." Er wand sich Lui zu,
der mit hochrotem Kopf versuchte sich dem Arm des Grafen zu entwinden.
"Sag, kennstDu denn den Bernhard nicht mehr?"
 "Bernhard, was? Ja, den soliden Wagenlenker kennst du nicht, was? " Dem
Grafen schauderte es vorm Abgrund der Unwissenheit, der sich vorm ihm
offenbar auftat. Er ließ dem Domestiken frei und wollte ihn treten, verfehlte
den Tor aber ähnlich weit wie Uli Höneß anno '76 das tschecheslowakische.
"Hinaus, wahnsinniger Lakai!" Der Fehltritt steigerte natürlich noch die Wut
des Grafen. "Hinaus, ehe ich zum - was?- Ochsenziemer greife!"
  "Hiiiiiiiii", heulte Lui und verschwand. "Und mach die Tür zu!" donnerte
der Graf hinter ihm, als er gerade die Tür schloß. Daraufhin kam der Bedienstete
wieder herein und fragte mit einfachen Worten, was man denn begehre, worauf
der Graf außer sich vor Zorn rief, daß er wünsche, daß die Tür sachgemäß
geschloßen werde, was wiederum den Diener dermaßen erschütterte, daß er
wehklagend davonlief und die Tür sperrangelweit aufstehen ließ.
  "Oh, dieser Trottel!" wütete der Graf vor sich hin "ich weiß nicht, wielange
ich - was? - ihn noch die dünne Suppe löffeln lasse unter meinem Dach."
  Wie stets war's Sophie, die versuchte die Wogen zu glätten. Sie stand auf
und schloß die Tür. "Vater, aber er ist doch billig. Nur Wohnen und die Kost,
also was die Schweine übrig lassen. Das mußt du auch wohl bedenken.
Was mich vielmehr beunruhigt: Warum nennt er unseren braven Bernhard
einen großen bösen Mann? So groß ist der doch gar nicht, nur mit Mühe ragt
seine Nase übers Lenkrad, und ansonsten ein herzensguter Bursche, der dem
armen Lui allzeit menschliches Verständnis, ja kreatürliches Wohlwollen
entgegenbringt."
  "Paranoia!" konstatierte Dr. Lohner knapp.
  "Unwissenheit des gemeinen Volkes", riet der Graf.
  "Und dennoch eine kreuzbrave Seele", gab Sophie laut.
  "Trotzdem", blaffte Dr. Lohner zurück. "Pa-ra-noi-a!
  "Ein Mensch ohne jede Bildung aus den unteren Schichten, würde - was?-
Schelsky sagen. Aber - was?- seinen gnädigen Gott mag er nur preisen, daß
er in meinem Haus Obdach und Brot findet", zürnte der alte Adelsmann
unverdrossen weiter, "aber wielange noch, ja wielange? Was?"
  "Bitte, Vater, verhärte dich doch nicht arg zu arg in plötzlicher Raserei!"
Rührend legte Sophie erneut Fürbitte ein. "Schließlich ist er uns doch zuge-
laufen!"
  "Paranoia!", wiederholte Dr. Lohner. "Oder auch plem-plem, wie der Nicht-
akademiker in Unkenntnis wissenschaftlicher Terminologie so gern dahin
sagt.
  "Bitte, lieber Doktor, - was?- bedienen auch sie sich doch in unter meinen
Giebeln einer etwas gewählteren Ausdrucksweise", wies ihn der Graf pikiert
zurecht. "Was?"
 "Okidoki", sagte Dr. Lohner, "aber mein Paranoia bleibt bestehen. Paranoia!
Pa-ra-noi-a!"
  Die Tür ging auf und mit Getöse fiel die Gräfin ins Zimmer und ihm ins Wort.
  "Potzblitz - was? -" entfuhr es dem Grafen und nach kurzem Zaudern sprang
er seiner Gattin bei. Dr. Lohner, der ebenfalls nach einigen Grußworten her-
beigeeilt war, half dem Grafen die Gestürzte aufzurichten. Offenbar hatte der
Sturz der Gräfin die Besinnung geraubt, und auch Sophie schwanden vor
Schreck die Sinne und sie sank ohnmächtig hintüber. Wieder stiegen mächtige
Staubschwaden auf.
  "So helfen sie doch - was?- jetzt lieber meiner Tochter", forderte der Graf,
nachdem sie gemeinsam die besinnungslose Frau in einen freien Sessel ge-
schleift und reinbugsiert hatten. Während sich der Doktor flugs um seine
Geliebte bemühte, nahm der Graf kurzentschlossen eine Dose Mineralwasser
vom Tisch und goß ihr den kalten Inhalt in den Nacken. Das weckte sofort
wieder ihre Lebensgeister.       
 Auch Sophie erwachte schnell aus ihrer albernen Bewußtlosigkeit, als sich       
Dr. Lohner über sie beugte und ihr die Wange tätschelte. Mit seinem penetranten       
Mundgeruch wäre es selbst Jesus nicht gelungen, den armen Lazarus zum       
Weiterleben zu bewegen. Aber Sophie war aus anderem Holz gewachsen.       
 Mutter und Tochter ehoben sich nahezu gleichzeitig, die eine sank in die Arme        18. Mrz
 ihres Gatten, die andere in die ihres zukünftigen.       
 "Oh, ich Tölpelige, "flüsterte die Gräfin ihren Mann ins Ohr, "allweil muß ich       
wohl die Reihenfolge meiner Schritte nur unzureichend koordiniert haben.       
Verzeih."       
  "So war das wohl, was?", tröstete sie der verständnisvolle Gemahl. "Eine Un-       
geschicklichkeit - was? - die selbst mir gelegentlich schon unterlaufen sein mag."       
  "Oh, ich arg Verzärtelte", flüsterte auf der anderen Seite des Salons Sophie       
ins Ohr ihres alsbaldigen Kerls, "verlier ich doch die Sinne, nur weil meine       
Mamatschi lang darniederschlägt!"       
  "Ja, ich weiss", sagte Dr. Lohner, "aber das wird sich auch noch ändern,       
das versprech ich dir."
  "Was? , äh wie geht's denn meiner lieben Sophie?" erkundigte sich der Graf.
 "Danke, gut" antwortete der. "Und wie steht's mit dem Befinden der verehrten
Frau Gräfin?"
 "Danke der Nachfrage, Doktor. Alles bestens, sie steht und geht!"
  Mutter und Tochter waren indes überwältigt von ihren Gefühlen aufeinander
zu geeilt, umarmten sich innig und kämpften mit den Tränen. "Mamatschi,
du mein Alles", schluchzte Sophie. "Sophie, liebes Kind", retournierte die
Mutter.
  Derweil gingen die beiden Herren zum Getränkeschrank, um sich auf den
Schrecken "erstmal gepflegt eins in die Birne zu kippen", wie das ein lang-
jähriger Bundeskanzler so gern ausdrückte.
  Der junge Mann in seiner groben Anstaltskleidung, die noch vor wenigen
Stunden grauweiß gewesen war, von alten Urinflecken gesprenkelt, nun aber
vor Schmutz starrte, kämpfte sich erschöpft, doch unentwegt, durchs regen-
nasse Unterholz. Zweige schlugen ihm ins Gesicht schmerzhafte Rötungen
hinterlassend und erstaunlich viele Vogelnester, teilweise mit Inhalt, hatten
seinen Kopf getroffen,sich dort verheddert, und ihm einen Dornenkrone
mit Eiersalat aufgesetzt. Es war als eilte Jesus selbst durch den deutschen Forst
in atemloser Flucht vor seinen Gläubigern, denen zwar er, die aber keinesfalls
 ihm vergeben wollten.
Mit aller Kraft bahnte sich der Jüngling seinen beschwerlichen Weg durch den
schon dunklen Wald, den ihm allein das der dünne Lichtstrahl seiner entwen-
deten Taschenlampe wies.
  In der Ferne schlug eine Nachtigall dumpf die Trommel. Für einen kurzen
Moment hielt der Flüchtige mit Fliehen inne, er blieb stehen und lauschte dem
erhebenen erhabenen Klang. Ja, das war Schönheit von göttlichem Kaliber!
Verstohlen kroch eine Träne aus seinem Augenwinkel hervor und floß wie
siedend Suppe die Backe herab. Mannmann, wahre Schönheit hinterläßt den
Menschen stets befangen.
  Endlich entließ ihn die Magie der Natur aus ihrem Zauber. Der junge Mann
wischte sich energisch die Träne vom Kinn und strebte von neuer Kraft
beseelt, ja beflügelt, hinan, Schritt für Schritt dem gar nicht mal so sehr fernen
Ziel entgegen.
  Plötzlich ließ eine Eule ihren kauzigen Schrei vernehmen.
  Um Himmels willen, durchfuhr's den Flüchtigen, ein Uhu! Der herzlose Schlächter
gar mancher kleiner Waldbewohner.
Oder Wölfe gar? Bleich im plötzlichen Schrecken verdoppelte er seinen Eifer
möglichst bald aus den gefährlichen, entsetzlichen Forsten zu gelangen, in
wilder Flucht gepeitscht von den Geißeln der Bäumen, gemartert aber auch
von düsteren Ängsten.
3.
Sophie und ihre Mutter hatten sich zu den Männern gesetzt, die schon eine
gute Flasche Mariacron geleert hatten. Die Gräfin langweilte alle entsetzlich
mit ihrer nicht enden wollenden Erzählung der Abenteuer, die sie beim Einkauf
in der Stadt erlebt hatte. Beispielsweise ging es um falsch etikettierte Ware
oder dem Umstand, daß sie im Schlüpferladen von der falschen Seite bedient
worden war. Danach besprach die kleine Runde noch Einzelheiten, die die
bevorstehende Hochzeit betrafen. Alles schien aufs vortefflichste arrangiert,
jedes lausige Detail bedacht. Gegen Mitternacht dann bestimmte der Graf,
daß es nun Zeit für alle sei sich in die Schlafgemächer zurückzuziehen, zumal
weiterer Alkohol keinesfalls zu erwarten sei, es sei denn der Doktor habe in
seiner Weitsichtigkeit noch einen guten Tropfen greifbar.
 Der Doktor aber schüttelte nur traurig den Kopf.
  "Was? Schade aber auch", sagte der Graf. Er stand auf und wandte sich
in der Tür noch an Dr. Lohner. "Lassen sie - was? - mich das Problem noch
eine Nacht überschlafen. Morgen früh schon kann ich ihnen dann sicher
meine definitive Position mitteilen. Gewiß werden sie mir noch ein günstigeres
Angebot machen können? Was?"
 Dr. Lohner warf als Antwort nur sein Gesicht in ekelhafte Falten und
brumpfte nur bitter.
  Als Sophie mit ihm zu ihren Schlafzimmern im Westflügel ging, fragte sie
ihren Manfred ernst, aber auch vor Neugier schier platzend, welcher Art denn
die Probleme seien, die er mit ihrem Vater habe. Dr. Lohner wollte sich in
ausweichende Antworten flüchten, allein Sophie konnte er nicht beirren,
entschlossen stellte sie ihn zur Rede.
  "Manfred, Schluß jetzt! Morgen sind wir Mann und Frau, und ich darf von
meinem Mann erwarten, ja fordern, daß er vor mir keine Geheimnisse ver-
birgt. Was ist los, raus damit!"
 Der beliebte, pardon beleibte Hirnchirurg zögerte einen langen Moment.
"Sophie, du hast ja recht, meine Liebste! Ich muss alles gestehen. Hat doch
alles keinen Wert sonst! Sophie, mein Augenstern!", flüsterte er speichelnd
und griff ihr dabei nervös ans Mieder. "Tatsächlich gibt es ein Geheimnis, das
ich dir anvertrauen muss. Wiewohl ich dich recht eigentlich nicht damit
belasten wollte, denn es ist bitter! BITTER!"
  "Ein Geheimis also? So rede doch, Manfred, rede!" drang Sophie in ihn und
faßte in angespanntester Gefühlsage wie geistesabwesend in seinen Schritt.
  "Es ist...nun..ach..wie soll ich es nur sagen? Wer kennt die rechten Worte?"
  "Bekenne es nur freimütig", ermunterte ihn Sophie " und bete, daß ich dir
auch verzeihen kann."
  "Sophie, mit dir direkt hat es nichts zu tun, es ist...mannomann, Sophie..",
wieder stockte der Doktor und ihre Brust heftiger. "Also es ist.. Es handelt
sich, um.. Sophie, ich werde ERPRESST!" Erleichtert stöhnte Dr. Lohner
auf. "Jetzt ist die Wahrheit draußen!"
  Sophie taumelte ob dieser Enthüllung als ob Sylvia Harnisch, oder wie die
Schlägerin heißt, ihr einen Schwinger verpaßt. Glücklicherweise konnte sie
an Dr. Lohners Unterleib geistesgegenwärtig einen gewissen Halt finden.
"Erpreßt? Manfred, dich? Aber um Gottes willen, wer kann denn dir Übles
wollen?"
  "Der Erpresser natürlich", entgegnete Dr. Lohner dessen freudiger Über-
raschung inzwischen Schmerz gewichen war, aber er biß die Zähne fest
zusammen.
  "Ja, gewiß, du hast Recht, ich vergaß. Aber sag: sein Name? Kennst du den
Namen des gemeinen Verbrechers?"       
  "Nein, liebste Sophie! Aber würdest du ihn jetzt loslassen? Du reißt ihn ja       
noch raus!"       
 Sophie gab den Doktor frei und faßte sich lieber an den Kopf. "Verzeih,        19.3.
Lieber, aber die Aufregung! Diese Aufregung. Doch so sprich doch weiter:       
Wer erpreßt dich - ja, du ahnst es nicht - aber warum. Warum, Manfred?"       
  Die Gesichtszüge des Arztes entkrampften sich. "Nun, auch das ist nicht so       
leicht zu sagen."       
 "Doch nicht?...Eine andere Frau?", rief Sophie verzweifelt, "sag, Manfred,       
es gibt da doch etwa nicht noch eine andere, die dein Herz einst gewonnen hatte        
und nun auf ihre nichtswürdigen Rechte pocht?"       
  "Nein, sei nur beruhigt in dieser Beziehung. Eine andere Frau, eine andere       
Liebe gar, ist wahrlich nicht im Spiel!" Dr. Lohner grunzte mißmutig. "Das        
weißt du doch inzwischen: Welche Frau - außer dir - würde denn mir ihre       
Zuneigung schenken? Mir, dessen unreiner Atem seit ich denken kann       
die Damenwelt verdrießt?"       
  Da hatte er rechte, dachte Sophie bei sich. Aber konnte sie in dieser Stunde
dem reichen Zukünftigen vor den Kopfstoßen? Nein, das kann ich nicht,
antwortete ihr gutes Herz ihrer ebenso guten Nase, das darf ich nicht.
Daher versuchte sie ihren Manfred aufzumuntern. "Ach geh fort, Manfred,
dein unreiner Atem ist doch so unrein nicht. Und bedenke auch, ist er es
nicht recht eigentlich, der erst den Mann so männlich macht? Der ihn erst
scheidet vom niederen Getier?"
 "Oh, Sophie, du findest doch stets ein trostreich Wort für mich!" Doktor
Lohner war schwer begeistert von ihrer Einstellung auch rührte ihn die
liebevolle Toleranz, deren Echo er darin zu hören glaubte.
 Weiß Gott, dachte Sophie, aber im Moment richtete sich ihr Interesse allein
auf die Beantwortung ihrer Frage. "So eröffne dich mir doch, Manfred,
warum erpreßt dich der gemeine Schurke?"
 "Du erinnerst dich an unseren Polterabend?", fragte Dr. Lohner mit brüchi-
ger Stimme.
 "Was für eine Frage, Manfred", entgegnete Sophie und lächelte unwillkürlich
beim Gedanken an diese glückselige Veranstaltung. "Ein wundervoller Abend!
Voll Musik und Tanz, voll leichtsinniger Ausgelassenheit und wahrer
Lebensfreude!"
 "Ja", sinnierte der Doktor "voll Glück und Geploter! Aber du vergißt, daß
auch Alkoholika gereicht wurden."
 "Gewiß, der Alkohol wurde reichlich ausgeschenkt. Ich bitte dich! In unseren
Breiten, in unseren Kreisen zumal, gehört er doch zu den unverzichtbaren
Bestandteilen eines gelungenen frohen Festes. Prickelnder Champagner und
sprudelnder Sekt, von kundigen Händen gekeltert, edler feuriger Wein, an
sonnenüberfluteten Hängen gereift, der Saft der Gerste, sowie vollmundiger
Apfelschluck..."
  "Doch dir ist auch wohl bekannt", unterbrach der Doktor ihren Sermon,
"daß der Alkohol auch dunkle schlummernde Kräfte entfesseln kann, so man
ihn nicht unter der Fuchtel weiß?"
 "Manfred!", entrüstete sich Sophie sogleich, "ich bin kein unschuldiger Brat-
fisch mehr, und die Dämonen, die im Reben- und Getreidesaft hausen, kenn
ich nicht nur von den eindringlichen Warnungen meiner Eltern her mehr
denn gut, wie oft schon suchte ich stinkbesoffen..."
  "Dann höre, liebste Sophie", unterbrach Manfred sie erneut. "An jenem
unheilvollen Abend hatten mich diese Dämonen in ihrer Gewalt."
 "Was?" Sopghie tat überrascht. "Aber weshalb merkte ich nichts davon? Du
warsat doch an jenem Abend stets an meiner Seite."
  "Wohl das, liebste Sophie, und dennoch spürte ich ihre Macht."
 Sophie griff sich unvermittelt an den Kopf, Schuppen stoben durch die
Lüfte. "Deshalb also! Deshalb unterlief dir das traurige Mißgeschick, die wert-
volle uralte chinesische Vase, ein Geschenk Marco Polos an einen meiner
beliebten Vorfahren mit bloßer Faust in tausend Scherben zu schlagen
mit einem fröhlichen Jodler auf den Lippen."
  "Ja, Übermut genährt vom maßlosen Alkohol verleitete mich dazu!" gestand
Dr. Lohner beschämt.
  "Nun, ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, daß ich derlei schon ahnte
in jenem Moment." Sophie verstand und ihr Mitgefühl ward geweckt. "Aber
sprich weiter, Manfred, enthülle dich mir nur erbarmungslos weiter."
  "Ja, jener Abend war furchtbar, doch furchtbarer noch war der Katzenjammer
am anderen Morgen: Zehntausende fleißige Mainzelmännchen schienen in
meinem Schädel auf ihren Ambößlein zu hämmern!"
 "Oh, armer armer Manfred, du!"
 "Nein, recht geschah mir. Alles war mehr als verdient."
 "Oh nein, Manfred", widersprach Sophie heftig, "solch Höllenqualen ver-
dient kein wertvoller wie du! Doch quick weiter: Ein durchzechter Abend
ist doch nichts, was ein Erpresser gegen dich verwenden könnte."
  "Und wiederum hast du recht, Liebste. Doch der alkoholgetränkte Abend
ist die eigentliche Ursache des folgenden Unglücks. Denn am bewußten
Morgen, mein Kopf drohte schier zu bersten, mußte ich in die Klinik und
arbeiten. Ein Hirn harrte der Verpflanzung."
  "Aber hätte nicht die Operation noch Zeit gehabt? Hätte nicht vielleicht
ein Famulus an deiner Stelle..."
 "Natürlich hätte sie das, Hirnverpflanzungen sind selten unaufschiebbar",
unterbrach sie der Doktor, "aber mein nagender Kopfschmerz verlangte
nach Beruhigung, und du weißt ja, mich am besten meine Arbeit beruhigen
kann. Deshalb fuhr ich gegen Mittag ins Spital, um mich dort durch eine
kleine Operation, reine Routinesache, ein wenig abzulenken. Heute da alles
zu spät ist, weiss ich auch, daß es ein Fehler war, ein folgenschwerer Fehler.
Denn während dieser Operation wollten meine sonst so flinken geschickten
Finger manches Mal nicht meinen Gedanken folgen und ich..." Dr. Lohners
Stimme bebte und er schlug sich mit blanker Faust aufs Herz, "..und ich..
ich machte große Fehler!" Er schluchzte wie ein kleines Kind.
  "Oh Gott!" Grausen faßte Sophie bei dieser Vorstellung kalt im Nacken.
Sie faßte den unglücklichen Gefolgsmann des Hippokrates fest an die
Schultern und schüttelte ihn. "Und? Manfred, und?"
  "Als ich stümperhaft das Hirn aus dem Kopf des einen Patienten geschnitten
hatte", setzte der Doktor stockend fort,"und es in den Schädel des anderen
einsetzten wollte, zitterten meine Hände unversehens wie welkes Espenlaub
im fauchenden Herbststurm. Kurzum: Das Hirn entglitt meinen Händen und
fiel zu Boden!" Der Mediziner schnaufte bitterlich und vergrub sein Gesicht
in beide Hände.
  "Mannomann! Hat man dergleichen je gehört?" Sophie war entsetzt, zeigte
aber sofort ihr praktisch veranlagtes Wesen. "Allein, hättest du nicht das Hirn
nicht einfach aufheben können, mit einem Lappen gründlich abputzen
wegen der sicher strengen Hygieneverordnung und dann einsetzen können?
Hätte doch keiner gemerkt."
    "Sicherlich, Sophie, sicherlich das. Aber ein weiteres, weit größeres Unglück
widerfuhr mir. Oh Schande, ich muss mich so sehr schämen dafür. Mir kommen
die Tränen, wenn ich auch nur an mein Pech denke."
 "Noch ein Unglück? Ja, nimmt das denn gar keine Ende? Welch größeres
Unglück kann es denn noch geben?"
  "Just als ich das entglittene Hirn vom Boden aufheben wollte, rutschte ich
auf einem Blinddarm aus, nein, eine Niere war es wohl, die von einer früheren
Operation her dort noch lag, stürzte überaus unglücklich und fiel mit meinem
Podex auf das Hirn des mir anvertrauten Patienten. Es nahm selbstredend
erheblichen Schaden dabei."    
 "Manno, Manfred, du bist mir einer! "Mißbilligend schüttelte Sophie den Kopf.    21.3.
"Wie kann man denn nur so ungeschickt sein."    
  "Du tadelst mich nur mit allzu großem Recht, Sophie. Wie konnte mir nur das    
passieren? Diese Frage stelle ich mir seitdem Tag für Tag, Nacht um Nacht,    
Woche um Woche."    
  "Unglücklichster, berichte nun weiter."    
 "Nun, ich verpflanzte den blutigen Hirnklumpen - obwohl unnatürlich deformiert -    
in den Kopf des anderen Patienten, und er lebt, er lebt, Sophie, wenn er auch bis    
zur Stunde zu keinem klaren Gedanken fähig zu sein scheint."    
 "Aber er lebt, Manfred, er lebt! Das ist doch schließlich die Hauptsache."    
Erleichtert ließ Sophie den Atem und damit die Anspannung weichen.    
 "Sicher, dennoch mach ich mir schwerste Vorwürfe. Begreife doch, Sophie:In den    
 lichtesten Momenten hält er sich für Lothar Matthäus, den Balltreter, und quasselt     
auch so daher. Ich bitte dich Sophie: Das ist doch kein Leben!"    
  "Natürlich verstehe ich, schließlich bin ich kein Bratfisch mehr, doch ich versichere     
dich, Manfred, du trägst die Schuld nicht allein. Auch ich habe meinen Teil zu
stemmen! Denn hätten wir beide nicht heiraten wollen, hätte ich deinem zähen
Begehren nicht nachgegeben, sondern getrotzt, hätte es freilich keinen Polterabend
gegeben, und hätte es den nicht gegeben, wäre dir gewisslich auch nicht dies bedauer-
liche Unglück zugestossen."
 "Ach, Sophie, dieser Gedanke kann meine Schuld nicht mindern."
 "Manfred, still, still, du mußt auch einmal an andere denken. Andere Menschen
tragen eine viel schwerere Schuld. Erinnerst du dich zum Beispiel an den schweren
Unfall am beschrankten Bahnübergang in Altenbach letzten Sommer?"
 "Natürlich, Sophie, eine Reisebus fur vor einen Zug. 184 Menschen fanden dabei
den Tod, 3 wurden verletzt."
 "Richtig, so war das, 184 Menschen! Nun, letzte Woche war endlich die Gerichts-
verhandlung gegen den diensthabenen Bahnwärter, der die Aufgabe hatte, die
Schranken zeitig zu schließen, damit Schienen- und Straßenverkehr einander
nicht behelligen können. Und nun, denk dir nur, wie rechtfertigt sich dieser
verantwortliche Beamte? Was antwortete er auf die Frage des Richters, warum
denn bloß er die Schranken nicht zur notwendigen Zeit gesenkt habe, ob er viel-
leicht den Termin vergessen hätte, an dem der Eilzug vorbeibrausen sollte oder ob  
plötzlich auftretende Gesundheitsprobleme ihn gehindert hätten, den Knopf zu
drücken, denn um einen größeren Aufwand handelte es sich bei dieser Arbeit nicht?
Neinnein, entgegnete dieser pflichtvergessene Mensch, der Zeitpunkt sei ihm
selbstverständlich sehr wohl bekannt gewesen, gesundheitlich sei auch alles
top bei ihm, allein er habe nur momentan keine Lust gehabt, die Schranken runter
zu lassen. Keine Lust, Manfred, keine Lust.!"
 Dr. Lohner war augenblicklich empört. "Nein! So eine Lumperei! Keine Lust!
So ein Lump!"
 "Ja, Manfred, keine Lust habe er gehabt. Kein Bock, wie er sich ausdrückte.
Dies ewige Schranken-runter, Schranken-rauf sei sowieso viel zu stupide für einen
Mann mit seinen Fähigkeiten und Neigungen. Zudem sei immer dann, wenn er
die Schranken runtergelassen hatte in der Vergangenheit sowieso nichts passiert.
Nur ausgerechnet dies eine Mal, wo er sich die lästige Mühe erspart habe, sei
dieser Reisebus mit Rentnern, überladen und mit viel zu hohem Tempo..."
  "So eine Lumperei!! So ein Lump!" wütete Dr. Lohner. "Wenn mir der Kerl unters    
Messer käme, ich weiß nicht, was ich tun würde."    
 "Wie gesagt, ausgerechnet da sei dieser Bus gekommen. Das sei eben Pech gewesen,    
und für Pech, ja höhere Gewalt, könne er ebenso wenig wie die Bahn auch die    
Verantwortung übernehmen. Überhaupt sollten Rentner besser zu Hause ihre    
dicke Rente verzehren, statt in der Gegend rumzukutschen und anderen Bürgern    
Arbeit zu machen."    
 "Pech? Höhere Gewalt? Lumperei! Lumperei!" Dr. Lohner erdrosselte den Bahn-    
wärter, der aber das Glück hatte unsichtbar bzw. nicht anwesend zu sein.    
 "Siehst du, Manfred", sagte Sophie mit sanfter Stimme und zufrieden, daß diese    
Geschichte ihren Zweck erfüllt hatte, "deshalb darfst du nicht verzagen Dir ist    
ja ein wirkliches Unglück widerfahren."    
 "Donnerwetter, du hast recht, Sophie, was ist denn schon auch meine kleine     
Fahrläßigkeit gegen solch eine Verantwortungslosigkeit?    
 "Nichts, Manfred, nichts! Aber sag nun, wer erpreßt dich?"    
    "Immer noch der Erpresser, Sophie."
 "Ich meine, hegst du einen Verdacht? Wenn ja, gegen wen richtet er sich?"   
  "Es sind nur Mutmaßungen, an die ich dich teilhaben lassen kann, Sophie. Kon-    24.3.
kretes weiß ich nicht. Aber ich glaube, daß eine der Schwestern, die bei der Opera-   
tion einfachste Handreichungen geleistet hat, jemanden von meinem Malheur erzählt   
hat, und der nutzt nun dieses Wissen gegen mich." Dr. Lohner würgte nun diese   
Schwester, die aber glücklicherweise auch unsichtbar war.   
 "Konntest du denn die Schwestern nicht zum Stillschweigen verpflichten? Dir sind   
doch Möglichkeiten gegeben, Manfred."   
 "Gewiß, ich habe alle Anwesenden eindringlich ermahnt und bedroht, über das   
Vorgefallene bis ins Grab zu schweigen. Mit meinem Messer habe ich beispielhaft   
demonstriet, was andernfalls passieren würde. Als Anerkennung für die an sich selbst-   
verständliche Verschwiegenheit lud ich außerdem alle Schwestern nach der Operation   
alle zu einem feudalen Abendessen beim Ochsenwirt, wo Haxen und Schnäuzchen   
bis zum Abwinken serviert wurden."   
 "Und dennoch hat eine falsche Schlange geredet?"   
 "Ja, liebste Sophie," entgegnete Dr. Lohner bitter, " so muß ich wohl annehmen.   
Obwohl ich außerdem noch eine Flasche Champagner für alle geordert habe.
Aber der Mensch, Sophie, er ist nun mal schlecht! Schlecht! Schlecht! Eine der
Schwestern hat meinen teuren Champagner geschlürft und dann trotzdem später
alles ausgeplaudert. Und mir bleibt nun der ganze Schlamassel!"
 "So ein verruchtes Geschöpf," Sophie war erschüttert. "Ich schäme mich so, daß
ich so eine verdorbene Geschlechtsgenossin haben muß."
  Dr. Lohner legte einen Arm um ihre Schulter. "Nein, Sophie," flüsterte er ihr auf-
munternd zu, "du mußt dich doch nicht schämen, nur weil du auch eine Frau bist.
Denn es gibt ja auch schlechte Männer. Denk doch nur an den gewissenlosen
Schrankenwärter von Altenbach, dieser Lump!"
 "Ja, lieber Manfred, unrecht hast du sicher nicht. Aber ein schlechtes Weib ist
dennoch um vieles garstiger als ein schlechter Mann, hat sie doch ein Geschlecht,
das sanfter und gefühlvoller und opferbereiter und selbstloser und vertrauens-
würdiger und unabschaumhafter und..."
 "Jajaja," unterbrach sie Dr. Lohner ungeduldig, "aber schlecht ist nun mal schlecht!
Jedenfalls rief mich letzte Woche ein geheimnisvoller Unbekannter an und verlangte
fernmündlich Geld von mir. Sollte ich nicht willlens sein zu zahlen, würde er nicht
zögern, und mein Mißgeschick an die große Glocke hängen."
 "Ja, höre ich richtig? Geld verlangt der Erpresser auch noch von dir?"  Die plötzliche
Erkenntnis ließ Sophie erbeben.
 "Eine Million, ja du hörst richtig, eine Million fordert der Lump! Und die bis
Morgen!"
 "Was? Soviel Geld? Dafür mußt du ja fast ein Jahr arbeiten, Manfred!!"
 "Länger noch, liebste Sophie, ein Jahr und drei Wochen, falls mein Verdienst auf
dem gegenwärtigen Niveau bleibt."
 "Ein Jahr und drei Wochen Sklavenarbeit leisten für einen gemeinen Verbrecher?"
bollerte es aus Sophie heraus. "Niemals, Manfred, niemals! Besser tot! Besser sich
tief und fest den Dolch ins Herz stoßen!!"
 "Du übertreibst, Sophie, aber was bleibt mir denn anderes übrig, als zu zahlen?"
 "Nicht zahlen natürlich!" brüllte Sophie.
 "Aber, Sophie, dann bin ich ruiniert. Die Ärztekammer wird sich von mir abwenden,
die Krankenkasse wird mich mißtrauisch mustern, Patienten werden sich mir und
meinen Fähigkeiten nicht mehr ausliefern wollen, Krankenschwestern werden
meine Anweisungen nicht länger befolgen, Kinder und Studenten werden mich
hänseln und greteln, kurz: meine Reputation, meine mühsamst aufgebaute Fassade,
wäre zerstört, vollends dahin, und ich könnte meinen Beruf, der mir ja auch Berufung
ist, nicht länger ausüben. Armselig und einsam müßte ich zukünftig das Pflaster
treten! Denn schau auf meine Hände, Sophie!" Dr. Lohner hielt ihr seine groben,
behaarten Pratzen vor Augen. "Was können denn diese Hände, die Gott mir gab,
anderes als menschlichen Hirnen so unendlich viel Gutes angedeihen lassen?
Nichts! Absolut nichts! Sie wurden mir allein zu demm Zwecke geschenkt, daß ich
mit ihnen flink und geschickt Patientenschädel aufmeißele."
  Sophie hielt es nun nicht länger. Tränen spritzten aus ihren Augenwinkeln.
"Manfred!" greinte sie, "Aber soviel Geld? Was könnte ich mir..ich meine natürlich,
was können wir uns nicht alles dafür kaufen?"
 "Bitte weine nicht, Liebste" tröstete sie der Hirnchirurg, "Ich habe doch gar nicht
soviel Geld, um das Geforderte zahlen zu können."
 "Was? Wie bitte? Was sagst du da?". Sophie wankte wie die angeschlagene Sylvia
Hanisch, oder wie die heißt, taumelte einige Schritte zurück und presste eine Hand
vor den Mund, den der plötzliche Schrecken so weit geöffnet hatte.
 "Ich habe soviel Geld, aber nicht verfügbar," suchte Dr. Lohner ihren namenlosen
Furor zu dämpfen. "Auch ich kann eine Million nicht so ohne weiteres..."
 "Kein Geld, was? Unterbrach ihn Sophie und wimmerte, "aber was, so frage ich dich,
was hast du nur mit deinem vielen Geld gemacht? Manfred! Du bist alt und grau!
Wo hast du die zweifellos immensen Einkünfte deines langen Berufslebens ver-
schleudert?"
 "Entschuldige, Liebste, ich habe..."
 "Liebste? Liebste?" rief Sophie drohend und speichelnd.
 "So beruhige dich doch, Sophie! Ich besitze natürlich viele Millionen, darauf kannst
du getrost einen lassen! Allerdings ist der allergrößten Teil in Immobilen, Kommunal-
obligationen, Pfandbriefen - und flaschen, Gold und Geschmeis usw. angelegt, die
ich nicht ohne veräußern kann, will ich nicht einen Verlust hinnehmen. Deshalb
fragte ich deinen Vater, ob er mir nicht kurzfristig einen Bruchteil der geforderten
Summe leihen könne."
 "Wie? So soll etwa mein Vater deinen Erpresser finanzieren?"
 "Genau das sagte dein Vater auch. Aber du mußt mich verstehen Sophie. Dein
Vater hat doch sein ganzes Vermögen in bar überall versteckt und vergraben, da er
wie alle sparsamen Charaktere Banken und Sparkassen mißtraut. Ich dagegen kann
bis Morgen nicht soviel Geld auftreiben ohne dabei noch mächtig draufzuzahlen.
Außerdem leihe ich mir doch nur die Summe. Schon in drei Tagen wird dein Vater
alles auf Heller und Batzen alles zurückbekommen."
 "Ach, so ist das!" Sophie begriff, der Groschen war gefallen. "Dann bin ich schon
beruhigt. Zu welchem Zinssatz denn?"
 "Nun, genau darüber konnten wir uns heute Abend noch nicht einigen. Dein Vater
verlangt horrible 20 Prozent für die drei Tage, ich hingegen möchte aber nur ange-
messene 0,5 Prozent geben."
 "Ein halbes Prozent? Das ist ja nun nicht viel, Manfred, gerade mal die Hälfte von
einem Prozent, was ja auch nur eins von hundert bedeutet. Inwieweit würdest du ihm
denn noch entgegenkommen wollen?" fragte Sophie geschäftsmäßig und ganz
Business-Powerfrau, die problemlos Karriere, Frausein, Mutterpflichten und pipapo
bewältigen kann.
 "Tja, es bleibt doch unter uns oder?" antwortete Dr. Lohner schwer beeindruckt
von Sophies neuen Tonfall, "bis 2 Prozent würde ich schon gehen."
 "Auch zweieinhalb?"
 "Im äußersten Notfall, ja, auch das."
 "Brutto? Netto?"
 "Netto, selbstverständlich!" sagte Dr. Lohner mit aller Entschiedenheit und daraufhin
sank Sophie überglücklich in seine Arme und herzte ihn. "Ach, Mampfred," säuselte
ich liebe dich ja so heftig, du guter Mann, du!"
 "Ich liebe dich auch", balzte Dr. Lohner zurück und drückte sie fester an sich,
"und verzehre mich vor Sehnsucht nach dir."
4.
Weiter, immer nur weiter und weiter, jeder einzelne Schritt bringt mich meinem
einzigen Glück hie auf Erden ein Stückchen näher, dachte der junge Mann unentwegt
und drückte mit beiden Händen Zweige und Äste beiseite, die ihn am Fortkommen
hindern wollten.
 Schwer ging sein flacher Atem. Obwohl von kräftiger Statur, ein gutgewachsener
Bursche, der manchem Sport gefrönt und an mancher Theke geglänzt hatte, hatten
ihn doch die letzten Monate, die er in unfreiwilliger Isolation und ohne ausreichende
Körperertüchtigung verbringen mußte, körperlich geschwächt. Nun spürte er die
Erschöpfung in allen Gliedern.
 Endlich erreichte er eine Lichtung. Gern wäre er wie ein junger Hirsch über sie
hinweg gesprungen, allein, die titanischen Anstrengungen des Tages forderten
ihren Tribut, und er konnte nur mühsam Schritt auf Schritt setzen.
 Plötzlich trat er auf etwas Hartes, das unter seinem festen Schuhwerk ein wenig
nachgab. Im selben Augenblick erscholl ein ein markerschütternder Schrei im
dunklen Forst, der Fuchs und Igel schreckte.
 Unwillkürlich richtete der junge Mann die Taschenlampe zu Boden. In ihrem
schwachen Licht erkannte er, daß sein rechter Stiefel auf dem Geschlechtsteil
eines fremden Mannes stand, der neben einem halbnackten Mädchen auf einer Decke
lag.
 "Oh, pardon, mein Herr", entschuldigte er sich schnell und aufrichtig und beeilte
sich weiter zu kommen. Hinter sich hörte er noch lange Zeit das Wehklagen des armen
Mannes und die unanständigen Verwünschungen, die das Mädchen ihm hinterher
schickte.
 So ein Glück, daß es dunkel war, bei Tageslicht wäre es wohl noch peinlicher
gewesen, dachte der junge Mann in seiner verschmutzten Anstaltskleidung und mit
neuen frischen Kräften tauchte er wieder im Wald unter, den er noch durchqueren
mußte, um ans Ziel zu kommen.
     Sophie von Schwanewalde war mit ihren süßen 19 Jahren schon zu Bett, konnte
aber keinen rechten Schlaf finden. Widerstrebende Gedanken flatterten zwischen
ihren Ohren wie zankende schlaue Hamster, die der Bussard gegriffen hat. Jeden-
falls so ähnlich.
 Was sollte sie nur von Manfred und seinen Enthüllungen halten? Ihr Verstand war
schon lange beleidigt, und jetzt nörgelte auch ihr Gefühl unablässig, daß an seiner
Geschichte, am Schinderkarren seiner Worte,  an der Vespa seiner Versicherungen,
so manches Rad knatterte, ja schwer schlingerte. Nur was bzw. welches?
 War -eventuell- ihr Manfred vielleicht gar nicht der von Gott begnadete, durchaus
fähige Hirnchirurg? Vielleicht nur ein schändlicher Scharlatan gar? Ein unfähiger
unwürdiger Jünger des Äskulappens, zu ungeschickt um die einfachsten Hobeleien
am Schädel anderer Leute zu verrichten?
Und - um so viel wichtiger noch - warum besaß er die Million nicht? War er gar nicht
so unermeßlich reich, wie er des Protzens voll stets behauptet hatte? Ein Hochstapler
etwa?  Einer der es in Wahrheit nur auf ihre schmale Mitgift abgesehen hatte?
 Na, dann, Pustekuchen. Das stand schon mal fest.
 Und sein Mundgeruch? Wenn er um seine Penetranz wußte, erahnen mußte er sie
doch, wie sonst mußte er die Gesichtsausdrücke interpretieren, die ihn allzu oft
entgegen ekelten, warum bemühte er sich nicht redlicher um reinen Atem?
Ist doch wahr!
 War das der gute Manfred, den sie zu lieben trachtete?
 Oder war er nicht eher der fremde Mann, der fiese Kerl, von dem sie wenig, gar
zu wenig vielleicht, wußte und dem sie sich dennoch morgen schon mit Leib und
bescheidener Aussteuer ausliefern sollte?  Ein lasterhafter, verdorbener Charakter,
dem es höchsten Genuß und wahrste Befriedung allein bedeutet, wertvolle, alte,
chinesische Vasen, Kleinode fürwahr, zu zertrümmern?
 Oh, ich skeptische, ich tue ihm nicht recht, eher unrecht, dachte sie manches Mal,
wenn sie diese bösen Fragen bedrängten. Aber der Wurm des Zweifels nagte
unbarmherzig weiter an ihrer pickeligen Seele und sein Knabbern und Schmatzen
ließ sie keinen Schlummer finden. Sie wälzte sich hin, sie wälzte sich her, doch
den quengeligen Nager konnte sie nicht niederwälzen.
 Ach Achimili, dachte sie endlich, bevor sie dann doch in Morpheus' Arme sank,
hätte das ungute Schicksal uns doch bloß nicht so derbe mitgespielt. Alles wäre
gut. Alles.
Längst hätte der Regen nachgelassen, und die Luft war nun von jeder Schwüle
gereinigt. Die aufkommende Kälte der Nacht ließ den Mann, der hinter dem Garten-
häuschen lauerte und aufmerksam die vom schwachen Mondlicht beschienene
Zufahrt zum Anwesen der Schwanewaldes beobachtete, ein wenig frösteln. Gern
hätte er sich im Refugium des Gärtners untergestellt, um die Glieder ein wenig zu
wärmen, aber er durfte es nicht wagen, denn vom Inneren des Häuschens war die
Zufahrt nur unvollkommen überschaubar. Und er mußte wachsam sein. Denn sollte
ihm, den er erwarten durfte, durch die Fänge schlüpfen sollte, war das ganze Spiel
wohl schon verloren, alle hochfliegende Pläne, alle süßen Hoffnungen damit wahr-
scheinlich nichtig.
 Ein wenig beruhigt hatte ihn allerdings der Anruf vorhin. Sein Gegenspieler wußte
offenbar die wichtige Neuigkeit des Tages noch nicht, was zweifellos nur von Vor-
teil sein konnte. Dennoch lagen die Nerven blank. Nervös nestelte er schon wieder
eine Zigarette hervor.
 Groll über den unvorhersehbaren Gang der Ereignisse überkam ihn einmal mehr.
Gott, dachte er, warum muß immer alles so kompliziert sein? Bis ins Detail war doch
alles hundertfach durchdacht und geplant, alles hätte reibungslos vonstatten gehen
können und nun brachte eine Nachlässigkeit des Anstaltspersonals das präzise
ausgetüftelte Gedankengebäude ins Wanken. Es mußte doch möglich sein, einen
Wahnsinnigen die Flucht unmöglich zu machen! Das konnte doch nicht schwer
sein. Gewöhnlich widerstrebte es ihm zu fluchen, allein in den kalten, einsamen
Momenten hinterm Gartenhäuschen, Stunden voller Unsicherheit und Bangen,
sprudelten nur allzu oft Worte aus ihm hervor, von denen er gar nicht wußte, daß
er sie überhaupt kannte.
 "Arsch", sagte der dicke Mann beispielsweise oder "Verflixt!" oder auch "Schweine-
buckel!" und fühlte gleich die warme, trostbringende Kraft, die ihm dieser Exzess
spendete, während er sich gleichzeitig aber auch dafür insgeheim schämte. ER wird
mir verzeihen, wenn ER erst mal weiß, so wetterleuchtete es durch sein faltiges
Hirn,
 Schon wieder griff er zur Zigarette, steckte sie sich ins Maul und schaute zum xten
Male auf seine Armbanduhr. Es war bereits nach drei. Würde der, auf den er wartete,
überhaupt kommen? Er mußte doch, wenn er die Hochzeit noch verhindern wollte.
Er mußte, also würde er auch kommen.
 Als der Mann die Zigarette im Dunkeln anzünden wollte, verwechselte er sie mit
seinem Zeigefinger. Der brennende Schmerz ließ ihn seinen Irrtum schnell erkennen.
Huahuahuuu, jammerte er. "Schweinebuckel!" fluchte er dann leise und trat die
Zigarette, die auf seinen linken Fuß gefallen war, mit dem rechten und mit aller
Wucht aus. Dabei hatte sie gar nicht gebrannt.
Huahuahhhuuuu.
Fiebrige Träume belästigten Sophie und störten die Nachruhe erheblich. Immer
wieder variierten sie dasselbe Motiv: Die beiden Männer, denen Sophie in ihrem
jungen Leben bisher ihr Herz geliehen hatte, erschienen in  und kämpften
mit den seltsamsten Waffen und Gerätschaften um ihre Angebetete. Und immer
obsiegte der alte Dr. Lohner über den jungen Achim von Plötz.
 Sophies Sympathie lag allerdings stets auf seiten des Unterlegenen. Denn der ältliche
Mediziner griff leider oft  zu erbärmlichen hinterlistigen Tricks, die jenseits des
moralisch vertretbaren beheimatet waren, um den wacker und fair streitenden
jungen Baron zu bezwingen.
 Einmal fochten die beiden mit benutzten Zahnstochern, ein anderes Mal mit Klößchen-
hebern. Der Kampf kannte weder Gnade noch Erbarmen. Unwirsch drosch Dr.
Lohner auf seinen Gegner ein, doch Achim parierte geschickt jeden Hieb. Seine
überlegene Technik schien ihm letztlich den Sieg zu sichern. Trotz seiner gewaltigen
Schläge, die allzu meist die Luft peitschten, geriet der Doktor immer nehr in die
Defensive, schwächer und kraftloser wurde seine Verteidigung, endlich mochte er
den todbringen Klößchenheberschlag jeden Moment erwarten und mobilisierte
die letzten Kraftreserven, die jedoch kaum noch die Wende bringen können würden.
Schon glimmte wilde Siegeszuversicht in Achim von Plötzens Augen, da erstarrte
der hinterhältige Doktor, als nähme er Unbeschreibliches wahr, rief "Sophie, um
Himmelswillen, nein!" und fuchtelte Entsetzen heuchelnd mit den Armen. Und als
sich - wie's dem teuflischen Plan gemäß - der Jungbaron umdrehte in Sorge seiner
Geliebten könne Leid widerfahren sein, nutze Dr. Lohner diesen kleinen Moment
der Schwäche und rammte ihm einen dreckigen langen Zahnstocker ins Herz.
 Tödlich getroffen, mit waidwundem Röcheln klappte Winnetou - pardon Achim -
in sich zusammen. Seine brechenden Augen suchten Sophie, blieben sehnsuchts-
voll auf ihrem Gesicht haften und schienen ihren Namen zu schreien. Als Sophie
dem Todwunden zu Hilfe sprang, seine schlappe Hand nahm und an ihr Herzlein
drückte, stieß der gnadenlose Doktor im Blutrausch im noch wie ein vandalierender
Berserker weiter und weiter auf den längsten besiegten Rivalen ein.
 "Hör doch mal auf", versuchte Sophie ihn zu bremsen, "du, Unerbittlicher! Die
Hand des Todes hat ihn doch schon ergriffen.!"
 "Nein, nein", brüllte Dr. Lohner, Schaum stand auf seinen Lippen und der Sabber
floß heiß, "als berühmter Hirnchirurg weiß ich doch, wann einer hinüber ist. Und
der Lump hier ist noch lange nicht hin, den könnte ich noch wieder zusammen
flicken. Drum nimm den, du Lump, und den!"
 Unverdrossen bearbeitete er den Sterbenden mit dem Zahnstocher, und als der
endlich brach, briet er ihm heftig mit dem Klößchenheber welche über. Aus dem
wohlgewachsenen Körper des jungen Adeligen rann der blaue Lebenssaft in
Strömen.
Tja.
Der junge Mann atmete einige Mal ganz tief ein und aus. Endlich hatte er sein Ziel
erreicht, aber vom eigentlichen war er immer noch weit entfernt. Das verkommene
Anwesen der gräflichen Famile von Schwanewalde lag von milden jungen Sonnen-
strahlen des Morgengrauens umkränzt vor ihm. Jetzt mußte es aber weiter gehen.
Er setzte sich umständlich auf eine Coladose, die am Wegesrand vor sich hin rostete,
um neue Kraft zu schöpfen und in Ruhe das weitere Vorgehen zu bedenken.
 Was war nun zu tun, jetzt wo er am Ort seiner Träume angelangt war? Einfach
läuten? Ach was! Der alte Graf würde zweifelsohne herbeigeholt werden, und
dessen unvernünftige Hass auf alle Plötzens würde einer sachlichen Aufklärung
sperrigst im Wege stehen. Sicherlich war auch schon der skrupelfreie Doktor im
Hause, der ihn sofort wieder für unzurechnungsfähig erklären und schnurrstracks
mit Tatü-ta-ta oder La-lü-la-la wieder in die Anstalt schaffen lassen würde.
 Nein, die Chance auf diesem Weg erfolgreich zu sein, war gar zu winzig. Selbst
wenn Sophie dazu geholt werden würde, was ja schon unwahrscheinlich genug war,
wäre es kaum erfolgversprechend in Anwesenheit des Grafen, oder gar des Doktors,
mit ihr zu sprechen. Natürlich würde sie denen, ja müßte sie denen mehr glauben
als seinen Ausführungen, der Wahrheit eines Irren, der er ja nach ihrem Kenntnisstand
sein mußte. Der Makel der Unzurechnungsfähig haftet nun mal fest.
 Er mußte also Sophie allein treffen. Unter vier Augen würde er ihr in Ruhe erklären
können, was ihm Ungeheuerliches widerfahren war. Sie würde er überzeugen können.
Sie würde ihn verstehen.
 Er wußte, wo ihr Schlafzimmer war. Er erinnerte sich des Rebstocks, der unter
ihrem Fenster wuchs. An seinen Ranken müßte er hochklettern können, auf diese
Weise müßte er in ihr Zimmer gelangen können. Na, das würde vielleicht ein
Getöse geben.
 Beflügelt von diesem erfolgversprechenden Gedanken faßte er frischen Mut und
eilte alsdann die Zufahrt zum Anwesen hinan. Schnell hatte er das verrostete alte
schmiedeeiserne Tor überwunden und schlich am Gartenhäuschen vorbei. Dort
kniete er nieder, um nach Indianerart mit einer Hand über den Brauen die Augen vor
störenden Sonnenstrahlen schützend das Gelände zu sondieren.
 Soweit er es überblicken konnte, befand sich niemand in der Umgebung des Hauses.
Auch brannte kein Licht, alles war ruhig, jeder schien noch zu schlafen. Auf Zehen-
spitzen ging er in Richtung von Sophies Schlafzimmer. Plötzlich hörte er ein
verdächtiges Geräusch. Ein Knistern, Knattern, Knoppen.
 Instinktiv spürte er die Gefahr. Er drehte sich abrupt um, und auf einmal blitzen
viele bunte Smarties vor seinen Augen auf, und dann brach schwarze kalte Nacht
über ihm zusammen.
5.
 Ein prachtvoller Morgen kündigte sich an. Die Sonne strahlte über alle Backen, eine
milde warme Brise schaukelte die hohen Pappeln im Garten, wo farbenfrohe
Schmetterlinge ihr lustig Lied über Würmer und sowas sangen und kreischende Vögel,
ein jeder nach seiner Art, über den Rasen kapriolten, um so Gott für seine wunderbare
Schöpfung Dank, Dank und abermals Dank zu sagen. Selbst der sonst ständig
düster blickende greise Uhu hoch oben in seiner morschen Krüppeleiche konnte
sich an diesem herrlichen Morgen das ein oder andere Grinsen nicht versagen
und ließ ein halbverdautes Mauseschwänzchen lässig im Schnabeleck rotieren.
Fies.
 Sophie von Schwanewalde weckte ein dicker Sonnenstrahl, der langsam ihre
Sommersprossen hochkletterte. Sie gähnte von Herzen, vergaß, was sie träumte, und
setzte sich - wie's ihrer Gewohnheit entsprach - auf ihr Kopfkissen. Mit dem Rücken
lehnte sie an der Wand und rieb sich sorgfältig die sandgefüllten Augen. Alsdann
befreite sie ihr hübsches Näschen gewissenhaft vom zähen Popel, der sich dort
über Nacht am oft schwer zugänglichen Ort gesammelt hatte, und sprang nach
getanem Werk munter aus ihrem Bett, bereit den Tag beim Horn zu packen.
 Als Frühsport machte sie ihre gewohnten Aerobic-Übungen. Da diese zeitge-
nössische Leibesübung ohne feurige Musik kaum rechte Freude bereiten kann,
schaltete sie ihren alten CD-Player an. Zu den brausenden Klängen des Wagnerischen
Walkürenritts bewegte sie ihren Körper nebst Gliedmaßen auf das rhythmischste,
und stets hielten ihre wippenden Brüste den Takt der wogenden Weise.
Sophies Gerät war eins dieser neumodischen Zauberkästen. Durch simples Drücken
eines Knopfes wurde automatisch auf Radioempfang umgeschaltet und durch simples
Drehen eines Knopfes konnte man einem bunten Programm, veranstaltet von
öffentlich und privatwirtschaftlich organisierten Sendern, lauschen, die ausnahmslos
mit hemmungsloser Seierei, ödem Gesülze und adäquater Musik den Hörer zu
begeistern trachteten. Dafür nahm man gern Gebühren.
 Es klopfte, und auf Sophies lustiges "Herein, wenn's kein Schneider ist", betrat   
ihre Mutter, Gräfin Emilie Anne von Schwanewalde, geborene von Wichmann zu   
 Hohenzoten und Schwalz, den Raum. "Guten Morgen, liebes Kind", sagte sie und    
dachte sich wie immer nichts dabei.   
 "Guten Morgen, Mamatschi", keuchte Sophie und beendete die Körperertüchtigung.    29.3.
Die Gräfin lief sofort zur Lärmquelle und riß den Stecker aus der Buchse. "Ischa   
furchtbar, diese moderne Musik!" schimpfte sie.   
 "Mutter! Ich bitte dich!" protestierte Sophie. "Das ist doch Wagner."   
 "Wie?" Die Gräfin war erstaunt. "Richard Wagner? Der Schöpfer so herrlicher   
Weisen? Ei, warum sagst du das nicht gleich? Das ist natürlich ganz was anderes."   
Sie steckte den Anschluß wieder rein und drehte den Lautstärkeregler bis zum   
Anschlag.   
 "Du darfst die Musik gern wieder ausmachen", schrie Sophie gegen die lärmenden    2.4.
Walküren an. "Ich habe meine Morgengymnastik bereits hinter mich gebracht."   
 Die Gräfen indes wog ihren massigen Körper weiter selbstvergessen im Takt.   
"Himmlisch", röchelte sie entrückt, "einfach himm-lisch!"   
 Sophie wußte, jedes weitere Wort war sinnlos, in ihrem transzendentalen Zustand
konnte die Mutter sie nicht hören. Sie ging also zur Quelle des Lärms und brachte
sie im Handumdrehen zum versiegen. Trotzdem lief natürlich ihre Gebührenpflicht
weiter.
 Die Gräfin wackelte noch eine Weile im Takt der unhörbaren Musik vor sich hin,
ehe sie gewahr wurde, daß der Brunnen der Verzückung plötzlich ausgetrocknet war.
"Kind!", erhob sie mahnend die Stime, "Du lehnst Wagner ab? Wie kannst du nur?
Schön, jung, gebildet und schön wie du bist!"
 "Aber Mutter, du weißt doch haargenau, daß ich den Wagner ehre wie Vater und
dich, aber heute ist doch der große Tag meiner Mählung, pardon Vermählung
und da sind a priori apropos..."
 "Kind!", unterbrach die Gräfin sie, "gut, daß du mich daran erinnerst." Sie nahm
Sophie an der Hand und führte sie zum Bett. "Hopphopp, liebes Kind, nimm bitte
Platz an meiner Seite. Sophie, ich muß dir nämlich etwas erklären. Ich hätte es
längst tun sollen, glaubte aber im stillen, daß es mir schon irgendwie erspart bleiben
würde. Naja. Kind, es gibt wichtige Dinge, die eine junge Braut über Hochzeit und
Ehestand wissen muß."
 Sophie tat wie die Mutter ihr gehießen und erwartete gespannt, welche Worte nun
aus dem Muttermund quellen würden.
 "Sophie, liebste Tochter", sagte die Gräfin ernst, nachdem sie geraume Zeit verlegen
gehüstelt und Sophies Hand geknetet hatte. "In wenigen Stunden schon wirst du
die Frau eines dicken Mannes sein, und deshalb ist es unumgänglich, ja du mußt
etwas überaus Essentielles über die durchaus delikaten Beziehungen zwischen
Mann und Frau erfahren."
 "Zwischen Mann und Frau erfahren", echote Sophie sinnlos.
 "ja, richtig, das sollst du nun! Allein, wie fang ich's an, wie soll ich's nur sagen?
Es ist so heikel. Also hör nun bitte." Die Gräfin riß sich am Riemen. "Ich möchte dich
in die Mysterien der Liebe einweihen, nein genauer: in die Mysterien der Triebe."
 "Mysterien der Triebe?" fragte Sophie verwundert. "Just heute??"
 "Ja, gerade heute, Sophie, die geheime Welt der Triebe mußt du kennen. Aber sie
sind nur menschlich und ganz natürlich. Das darfst du nicht vergessen, versprichst
du mir das, Sophie?"
 "Ja, Mutter, herzlich gern", entgegnete Sophie leichthin.
 "Es ist wichtig, Kind! Drum höre jetzt aufmerksam zu, was ich dir sagen muß.
Du weißt doch sicher, daß es zwei Arten Menschen gibt, nicht wahr?"
 "Ja, natürlich", nickte Sophie, "gute und schlechte!"
  "Ach, was, Sophie, das meine ich doch jetzt nicht. Ich spiele eher darauf an,    3.4.
daß es zwar Frauen und Mädchen gibt, aber auch - bitte sei jetzt stark - aber   
auch Männer. Män-nerrrr, Sophie!"   
 "Ach, ja, richtig, Muttsch, das weiß ich wohl freilich."   
 "Sehrrr gut! Dann weißt du auch vielleicht, daß du zu den Frauen gezählt wirst,   
also zu der Art, die Kinder empfängt und gebärt?"   
 Sophie nickte.   
 "Also muß ich dir nun sagen, daß auch der Ehemann beim Zeugungsakt seinen   
Beitrag spendet.  Denn wenn sich eine Ehefrau und ein Ehemann ganz ganz lieb haben,   
so wie du und der dicke Doktor, dann wird bald der Kinderwunsch so unwiderstehlich,   
und dann kommt es - Kind, jetzt mußt du tapfer sein! - und keine Furcht nicht haben!-   
und deshalb..ich sag's unumwunden...du weißt, um den heißen Brei zu reden, war   
meine Sache nie...ja, liebe Sophie.. Deshalb verkehren sie miteinander!"
 "Watt, verkehren, Mutter?"
 "Psssst", die Gräfin hielt der Tochter schnell den Mund zu. "Nicht so laut, liebes
Kind, wenn uns hier jemand hört, sei's mein Gemahl, seien's die Brüder! Ja, Sophie,
Mann und Frau verkehren miteinander!"
 "Verkehren, Mutter? Was ist denn daran verkehrt?"
 "Nichts, absolut gar nichts, das will ich doch nur sagen. Jedenfalls weißt du jetzt
die ganze brutale Wahrheit, schließlich bist du alt genug, und wenn du nur ein
wenig auf Draht gewesen wärst, hätte ich mir dieses peinliche Gespräch ersparen können.
 Aber frage mich jetzt bitte nicht, wie sich dieser Verkehr en detail gestaltet, die
Antwort verbietet mir mein Schamgefühl und meine Nerven als deine Mutter liegen
 eh schon blank genug, das möchte ich dir an dieser Stelle auch mal sagen!"
 Sophie zog eine Schnute.
 "Dein lieber Manfred wird es dir heute nacht Nacht wahrscheinlich en detail, das
ist französisch und bedeutet soviel wie en detail, schon demonstrieren. Eines muß ich
dir als Mutter dazu noch mit auf den Weg geben: Wenn du ängstlich sein solltest,
fürchte dich nicht, sondern halt nur hübsch still und denke dabei an unsern Herrn
Jesus, der aus Liebe zu den Männern noch ganz andere, viel größere Opfer gebracht
hat! Zwölf Apostel, na, das ist aber ein ganz anderes Kanaster oder?"
 "Mutsch, isch fürschte mich so!" greinte Sophie falsch dahin.
 "Nein, das mußt du doch nicht. Wenn du nur hübsch still hälst, wird alles nur halb     14.4.
so schlimm werden. Und wenn du dabei an den gütigen Jesus denkst."   
 "Wenn du es sagst, Mutter, so bin ich beruhigt.'s wird sicher nicht gar so arg."   
 "Des kannst du gewiß sein, mein Kind. Denn eine Mutter, die ihre Tochter so   
liebt wie ich dich, würde ihr niemals die Unwahrheit diesbezüglich sagen."   
 "Danke, Mamatschi, für deine offenen Worte. Ich verspreche, daß ich deinen guten   
Rat berherzigen werde."   
 Die Gräfin drückte Sophie wieder fest das Händchen und stand dann auf, denn ihr   
Werk schien vollbracht, wieder konnte sie eine Mutterpflicht abhaken. "Du bist eine   
gute Tochter, Sophie. Doch nun kleide dich bitte an und frühstücke danach mit uns.   
Heute harrt ein ereignisreicher Tag deiner und du mußt daher bei Kräften sein."   
 "Ich komme gleich, Mutter. Nur eine Frage habe ich noch."   
 "Nur frisch heraus damit, mein Liebes!"
 "Manfred hat manchmal einen lustigen Zweizeiler auf den Lippen, doch obwohl
ich immer herzlich darüber lache, will sich mir der Sinn nicht so recht erschließen.
Jedenfalls hat er auch mit Hochzeit etcetera zu tun, soviel schwant mir schon!"
 "Ei, sag ihn schon, mein Kind!"
 "Manfred sagt immer: Sei bloß nicht so zimperlich, ich greif zu und pimper dich!"
 Emilie von Schwanewalde stand wie vom Schlag gerührt, hielt sich dann beide
Ohren zu und verließ eiligst das Zimmer.
Der junge Mann öffnete die Augen und wußte im ersten Moment nicht, wo er sich
befand, geschweige denn, was ihm zugestossen war. Nur allmählich fiel der Groschen
und er konnte sich so manches erklären.
 Jemand mußte ihn niedergeschlagen haben! Für die Richtigkeit dieser Annahme
sprach besonders sein schmerzender Schädel. Den hätte er sich gern gerieben, was
allerdings der Umstand unmöglich mochte, daß seine Arme, wie er schnell bemerken
mußte, auf dem Rücken zusammengeschnürrt waren. Dazu hatte der geheimnisvolle
Angreifer seinen Mund mit einem Tuch verbunden. Wohl damit der muffige Winter-
apfel nicht herausfallen oder gespuckt werden konnte.
 Spontane erste Anstrengungen, sich von Fessel und Knebel zu befreien, blieben
ohne Ergebnis. Zu fest hatte der Unbekannte ihn verknotet. Der Apfel im Mund
ließ jeden Versuch der Artikulation fruchtlos sein, denn seine Zunge hatte keinen
Millimeter Spielraum. Und wie raumgreifend war sie doch gewöhnlich zugange.
 Auf der Suche nach eventuellen Hilfsmitteln musterte der junge Mann Raum und
Umgebung, in der er gefangen gehalten wurde. Offenbar befand er sich in einem
Gartenhäuschen. Die Arbeitsgeräte, die er erkennen konnte, machten diese Vermutung
plausibel. Rechen und Harken standen rum und hingen an den Wänden, verschiedene
Hacken standen in einer Ecke, eine Schiebkarre mit Dung stand herum und daneben
lümmelte sich ein unmoderner Rasenmäher (Benziner!).
 Der Rasenmäher brachte ihn auf eine Idee.Wenn ich doch nur den Kasten anwerfen
könnte, dachte er, in seinem Schlepptau könnte ich die Wand durchbrechen und
ins Freie gelangen. Als er versuchte sich von der Gartenbank zu wälzen, auf der er
lag, um sein unsinniges Vorhaben beherzt anzugehen, mußte er aber bemerken,
daß er sich gar nicht bewegen konnte. Sein ganzer Körper war an die Bank gebunden
worden. Merde! Was für eine unerfreuliche Feststellung!
   Obwohl die Unmöglichkeit jetzt unübersehbar war, hing der junge Mann dennoch
noch geraume Zeit diesen Gedanken nach. Danach schmiedete er andere unsinnige    
Fluchtpläne, allesamt auf  ähnlich absurder Linie. Zaubersprüche und so'n Kram,    19.4.
Homoöpatie sogar, oder wie der teure Placebo heute heißt.    
 Endlich mußte er aufgeben. Ohne fremde Hilfe bestand keine Aussicht auf Rettung    
aus seiner mißlichen Lage. Drum dachte er lieber über den Unbekannten nach, der    
ihm eins übergezogen, ihn überwältigt und hier festgesetzt hatte. Wer war's?    
 Es kann nur der alte Graf von Schwanewalde gewesen sein, kam ihm zuerst in den    
Sinn, sicher hat er durch die vollends gewissenlosen Massenmedien heutzutage von meiner    
Flucht aus der Klapse erfahren, daraufhin vermutet, daß sein erster Weg hierhin nach    
Schloß Schwanewalde führen würde und einen seiner sklavischen Domestiken beauf-    
tragt, mir aufzulauern und durch Gefangennahme unschädlich zu machen, damit ich    
nicht die Hochzeit seiner Tochter vereiteln oder zumindest stören kann. Er selbst wird    
schwerlich den Niederschlag durchgeführt haben, schwächlich und debil wie er ist.    
Allerdings, woher wußte der alte Krauter von seiner Affäre mit Sophie? Sie hat doch    
immer versucht es vor ihm geheim zu halten. Nein, es war eigentlich nicht möglich.    
Der Graf war doch nicht mehr ganz von dieser Welt. Der glaubte doch noch, daß    
der Kanzler, der das Land knechtete, Helmut Kohl heißt! 2oo8!!
 Der heimtückische Doktor!! Dr. Lohner hat ihm alles erzählt. So muß es gewesen sein.
Oder der durchtriebene Quachsalber hat es selbst erledigt, in berechtigter Furcht die
begangenen Mißetaten würden aufgedeckt.
 Als der junge Mann an diesen gemeinen Charakter dachte, flammte der alte ohn-
 Zorn wieder auf. Dieser schändliche Eisenbart!, dachte er hasserfüllt, nein, das ist
mir vielleicht einer!
 Dabei schüttelte er mißmutig den Kopf, so gut es mit den dicken Backen eben ging.
6
 "Guten Morgen, lieber Vater! Guten Morgen, Max und Gundolf, Brüder, die ihr
seid, meine aber auch!", kregel war Sophie, als sie das Frühstückszimmer betrat,
und einen Teil der Sippschaft dort vorfand. Sie schaute sich um und war verwundert.
"Na, wo ist denn mein Manfred? Doch nicht davon?"
 "Guten Morgen, liebes Kind", erwiderte der Graf und schaute von seiner Morgenlektüre
auf . "Dr. Lohner wurde soeben wieder mal am - was? - Telefon verlangt. Ein gefragter
Mann scheint's. Aber schau doch nur, wieviel Post der Briefbursche heute für dich
hatte. Was?" Graf Schwanewalde deutete auf eine Bratpfanne, in der ein Stapel
Briefe lag. "Was?", stieß er aus und widmete sich wieder dem Artikel "Imkerei und
blaues Blut" in der KAUFEN UND SPAREN, einem Gratis-Werbeblättchen, das
als einziges Druckerzeugnis im Hause gehalten wurde, da gratis ja immer noch
umsonst bedeutet.
 "Ooooh, aaaall-lleee für moi, äh mich?", Sophie war vor Freude halbwegs aus dem
Häuschen und kratzte sich am Schambein.
 "Ja, liebe Sophie, alles - was? - für dich!" Der Graf ließ sein Blättchen sinken. "Aber
auch, so sage ich, ein neuerlicher imposanter Beweis für - was? - das Ansehen, das
unsere Familie von Schwanewalde zurecht in allen Teilen der Bevölkerung genießt.
Nur Bundeskanzler Kohl hat nicht geschrieben, sicher meldet er sich - was? - später
noch fernmündlich. Was? Der Briefmann brachte mindestens noch das doppelte an
Karten, die Annahme - was? - mußte ich aber verweigern, da sie gar nicht oder nur
unzureichend frankiert war. Am Porto wurde - was? - hier an falscher Stelle gespart,
und ich bin nicht bereit, immense Mengen Geldes - was? - für Strafporto wegzu-
werfen! Empörend, was?"
 "Oh, wie ensetzlich! Wie schade aber auch!". Bedauerte Sophie frohgemut. "Ich hoffe
aber doch sehr, daß die Gratulanten mir ein zweites Mal schreiben werden, diesmal
mit korrekt entrichtetem Obolus für das Postgeschmeiss. Doch jetzt will ich lesen,
wer durchgedrungen ist, und mir zum heutigen Tag Glück und Gutes wünscht."
Sophie nahm den Stapel mit der fettigen Post und setzte sich an den Tisch. "Ah, der
junge Graf Horst sendet mir seine tiefempfundenen Glückwünsche zur anstehenden
Vermählung. Wie überaus aufmerksam von ihm! Und hier: Der alte Erbprinz Paulchen
hat noch selbst zum Griffel gegriffen und entbietet mir allerlei.! Bezaubernd wie
meistens. Wenn auch seine Handschrift unerfreulich ist. Das muß doch nicht sein,
oder bin ich zu streng? Und da! Der gute Herzog von vom Stuhl sendet mit schöne
Urlaubsgrüße. Von den kanarischen Inseln! Prima!"
 "Wo die Vögel herkommen?" fragte der Graf.
 "Keine Ahnung", sagte Sophie. "Und hie wiederum: Emma Juskowiak sendet einen
bescheidenen Gruß! Wie überaus liebnenswürdig von ihr!"
 "Wer ist denn Emma Jussalmiak überhaupt?", fragte die Gräfin erstaunt.
 "Juskowiak, Mutter, Emma Juskowiak", korrigierte Sophie", aus Köln-Deutz! Aber
wer das ist, kann ich auch nicht sagen."
 Der Graf lachte bitter auf. "Nicht von Adel, was? Naja, was?"
 Sophie ignorierte die Sozialkritik, die in dieser Äußerung mitschwang, und las mit
bebenden Busen und plappernden Mundwerk munter weiter. Plötzlich hielt sie inne,
und graunzte indigniert. "Nanu? Wer hat denn auf diesem Brief seine bösen Flecken
hinterlassen?". Sie war ganz schön aufgebracht .
 "Max? Was? Gundolf? Was?", der Graf hatte sogleich die üblichen Verdächtigen im
Visier. "Wer war's? Stante pede raus mit der Wahrheit!"
 "Ich", meldete sich Max schnell und kleinlaut, Schlimmes ahnend.
 Doch heute war der Graf großmütig gestimmt. "Deine Ehrlichkeit ist brav, mein Sohn,
und schützt dich - was? - dieses Mal vor der an sich verdienten Verfolgung. Denn
 was? - so gehört es sich. Man steht zu seinen Fehlern. Aber merke dir dies: Ein
echter Schwanewalde öffnet und liest keine Briefe, die für andere bestimmt sind,
vor allem nicht mit vollem Mund, denn der Speichelflug ist oft beträchtlich."
 "Entschuldige, Sophie, verzeih mir!", bat Max.
 "Schon gut, mein lieber Bruder!". Sophie war viel zu aufgeregt, um lange böse
mit ihm zu sein.
 "Von wem ist denn der befleckte Brief?" fragte die Gräfin neugierig, während sie
ein Brötchen mit Vierfruchtmarmelade verzehrte.
 "Einen Moment bitte, ich schau gleich mal nach. Einen Absender trägt der Umschlag
nicht." Sie riß gespannt den neutralen weißen Umschlag auf und zog das Begleit-
schreiben heraus, das sie umgehend studierte. "Offenbar ist die Absenderin eine
gewisse Beate Uhse."
 "Nicht von Geblüt, was?" fauchte der Graf angewidert.
 "Wie passend!", rief Sophie freudig aus, "sie betreibt einen Handel und macht mich
in diesem Schreiben in wohlgesetzten Worten auf die Nützlichkeit bestimmter
ehehygienischer Artikel aufmerksam. Ein Katalog mit ihrem äußerst umfangreichen
Sortiment hat sie ebenfalls beigelegt.!"
  "Wie aufmerksam aber auch", lobte die Gräfin und nahm einen kräftigen Schluck
Kaffee", ja, man kann gar nicht oft genug hören, daß die Sauberkeit vielleicht das
wichtigste Fundament einer glücklichen Ehe ist!"
 "So ist es, Sophie", bestätigte der Graf und nahm wieder die KAUFEN UND SPAREN   
zur Hand. "Immer schön - was?- die Hände waschen! Vor - aber auch, wenn nicht   
gar - was?- besonders nach den täglichen Mahlzeiten."   
 "Pfui! Igitt!", rief Sophie erschrocken aus, als sie die Broschüre aus dem Umschlag   
nahm. "Das Heft ist ja voller Flecken und klebrig verschmiert obendrein!"   
 "Um Himmelswillen - was? - nein!" Der Graf schielte über seinem Blatt und bebte   
augenblicklich im Sitzen. "Auf dem Titelbild ist ja ein unbekleidetes Frauenzimmer   
in lüsterner Pose - was? - abgebildet! Oh Schamlosigkeit! Die darf ich keineswegs    20.4.
dulden an meinem Tisch. Sophie, vernichte augenblicklich - was? - diesen Schmutz,   
eh sich mir noch der Magen umdreht."   
 "Ja, Vater, du hast doch so recht. Es handelt sich um eine Geschmacklosigkeit   
ohnegleichen. In den Müll mit dem Schund!" Sophie nahm die Glocke vom Tisch   
und klingelte nach Albrecht. Wenige Sekunden stand er schon neben ihr.   
 "Bitte, Albrecht, nehmen sie sogleich dies abstoßende Druckwerk an sich und ver-   
graben sie es im Garten", befahl Sophie. "Tief! Und unverzüglich."   
 "Nein, was für Zeiten, was für Sitten, wie schon der alte Grieche so richtig sagte."   
Angeekelt von der Welt und ihren Verderbnissen schüttelte der Graf seinen Kopf.
 "Aber richtig bleibt doch, daß die Sauberkeit auch in einer guten Ehe ihren festen
Platz haben muß" insistierte die Gräfin trotzig.
 "Ja, darüber kann es in meinem Hause ja gar keinen zweideutigen Disput geben",
sprang der Graf ihr bei. "Was?"
 "Wann wird denn die Schneiderin mit meinem Hochzeitskleid kommen?", fragte
Sophie, auch um das Gespräch auf Erfreulicheres, ergo sich, zu bringen.
 "Für 13 Uhr 20 hat sie sich angesagt", antwortete die Gräfin und stocherte mit dem
Eierlöffelgriff im Mund herum, wohl um auf die Weise ihre Zahnlücken von Früh-
stücksresten der sperrigeren Art zu befreien.
 "Und meine AVON-Beraterin?"
 "Gegen 14 Uhr hat sie ihr Erscheinen anberaumt!"
 "Gewiß mag sie mir noch letzte wertvolle Anregungen und Hinweise hinsichtlich
meines Make Ups geben.", sagte Sophie leise zur Mutter.
 Doch der Vater hörte alles. "Make Up", spuckte er verächtlich aus, "Was? Dieser
modische Firlefanz widerstrebt ja nun meinem ästhetischen Empfinden unsagbar!"
 "Lieber Harro, bewahre doch bitte Contenance", sprang auch als Akt weiblicher     21.4.
Solidarität gegen sture Männerbarbarei die Mutter der Tochter bei. "Die Zeiten   
ändern sich nun einmal. Tempora mutantur. Und auch du solltest ein wenig Ver-   
ständnis dafür aufbringen, daß sich die jungen Dinger heutigentags nicht mehr auf   
die Art schmücken, wie's bei unseren seligen Altvorderen noch Usus war."   
 Der Graf brummelte etwas in den falschen Bart, was nach "Suffragettentand" klang,   
gab aber doch schnell klein bei und entgegnete: "Gewiß - was? Was? Liebe Emilie!   
Wenn nur nicht Natürlichkeit des Teints und Reinheit des Wesens dabei Schaden   
nehmen!"   
 Da mußte Sophie natürlich lachen. "Aber dafür sorgt doch gerade die AVON-Beraterin!   
Zu welchem anderen Behufe ist sie denn sonst an den Schminktöpfen und Schmelz-   
tiegeln ausgebildet worden?"   
 Diese durchaus interessante Frage blieb leider unbeantwortet im Raum stehen, denn   
Dr. Lohner trat an ihr vorbei ins Zimmer. Sein Gesicht war noch finsterer denn   
gewöhnlich. "Er hat wieder angerufen", meldete er knapp.   
 "Doch nicht er?" fragte Sophie.   
 "Ja, Sophie, er!"
 "Wer?", fragte die Gräfin.
 "Er", sagte der Graf.,
 "Ja, er! Der geheimnisvolle Unbekannte, der mich um Glück und Geld zu bringen
trachtet." Der Doktor greinte und biß sich in die Faust.
 "Was? Davon weiß ich ja gar nichts", sagte die Gräfin. "Aber von euren Männerange-
legenheiten will ich auch gar nichts wissen. Das höre ich mir nicht länger an." Trotz-
dem blieb sie sitzen und lauschte aufmerksam.
 "Max, Gundolf, geht bitte hinaus. Wir Erwachsenen haben derart Ernsthaftes mit-
einander zu bereden, daß -was?- es euch um den jungen Verstand bringen könnte,
würdet ihr davon Kenntnis - was? - haben. Deshalb interessiert es euch ja auch
gar nicht." Der Graf klatschte in die Hände. "Nehmt euer Butterbrot mit, und hopphopp
hinaus nun."
 Die Jungen standen murrend auf, griffen noch schnell ein Stück Speck vom Tisch
und liefen hinaus. Wie gewöhnlich schnurstracks in die Speisekammer, um dort das
Frühstück in Ruhe zu vollenden.
 "Nun erklären sie sich doch, Doktor. Was - was? - hat der Unmensch von ihnen
verlangt? Was will er?"
 Dr. Lohner setzte sich an den Tisch. "Noch heute, so droht er mir, will er die Welt-
öffentlichkeit über den tragischen Unfall, der mir widerfuhr, aufklären, wenn ich
nicht bis 14 Uhr das gewünschte Geld übergeben habe."
 "Der Hund, der arglistige!" schimpfte der Graf. "Und? Was?"
 "Was und?"
 "Wie soll sich die Übergabe des Feldes gestalten? Er will es doch sicher nicht - was?-
persönlich hier abholen."
 "Ich soll die Million in eine Aktentasche packen, und die dem Priester aushändigen,
der uns heute trauen wird. Der soll dann mit dem Geld in den Forst bei Altenbach
fahren, und die Tasche an einer bezeichneten Stelle unter einem hohlen Baum tief
vergraben."
 "Ein Priester, was?" Verwundert schlug sich der Graf vor den Kopf und taumelte
zur Seite. "Warum hat er - was? - sich denn ausgerechnet einen Priester als Boten
ausbedungen?"
 "Er sagte, mir könne er nicht trauen. Ein Priester hingegen sei aus anderem ehr-
licheren Holze, denn als Knecht Gottes dürfe der kein falsches Spiel treiben und
sich einem Verbrecher widersetzen. So habe er es im Katchechismus gelesen,
beziehungsweise ließen bestimmte Stellen diese persönliche Interpretation ganz
entschieden zu."
 "Ein Erpresser mit Gottvertrauen. Was? Was für ein seltenes Phänomen das doch
ist in diesen gottfernen Zeiten", bemerkte Sophie süffisant.
 "Ja, und dennoch wird seine dreckige schwarze Seele dereinst ob ihrer abscheuer-
regenden Sünden im ewigen Höllenfeuer - was? - braten!", glaubte der Graf unbedingt
anmerken zu müssen.
 "Ob sich aber wohl Pastor Hausmann dazu bereit finden wird? Schließlich ist die
Übergabe des armen Geldes ein riskantes Unternehmen, das mit Gefahren für Leib
und Gesundheit verbunden sein kann", gab Sophie zu bedenken.
 "Er muss! Er muss es einfach tun, sonst ist unsere Zukunft perdu!" brauste Dr.
Lohner auf.
 "Zweifellos - was? - wird er es tun, auch eingedenk der Tatsache, daß ich letzte
Weihnacht erst - was? - wohl 1000 Taler - ja, was? - gut mehr als 1000 Taler für den
neuen Glockenturm gespendet habe. Er beabsichtigt ja - was? - den maroden
maladen Teil seiner Kirche aufzupeppen.", behauptete der Graf .
 "Sollten wir nicht besser die Mordkommission einschalten?" schlug Sophie vor
und Begeisterung über diese Idee schwang in der Stimme mit.
 "Ach was!" Dr. Lohner stöhnte gequät auf. "Nur das nicht, keine Polizei! Die trampelt
doch nur in den Blumenbeeten herum und raucht. Außerdem würde bald alles aufge-
deckt und unsere feine Zukunft wäre dahin. Sophie, dahin!"
 Wieder mal ertappte sich Sophie bei dem Gedanken, daß das auch nicht weiter schlimm
wäre  und erschrak über ihre Herzlosigkeit. Gekonnt verbarg sie jedoch den inneren
Widerstreit der Gefühle und rief herzzerreißend: "Nein, Manfred, nur das nicht!
Das dürfen wir niemals zulassen!"
 "Wir sollten besser gleich den Priester informieren und anfragen, ob er bereit und
fähig ist, das Geld zu übergeben." schlug Dr. Lohner vor.
 "Mich interessieren eure Männerangelegenheiten ja eigentlich nicht, aber vielleicht
ist der Herr Pastor ja gar nicht zuhause?" mischte sich die Gräfin ein.
 "Eben", entgegnete Dr. Lohner. "Deshalb müssen wir ihn jetzt gleich anrufen."
 "Sie sollten den Einwand meiner Frau nicht so - was? - leichthin abtun." sagte der
Graf, in den Klauen des Geizes gefangen die Telefonrechnung fürchtend. "Vielleicht
ist Hausmann ja tatsächlich nicht daheim und sie müssten - was? - umständlich mit
dem Antwortbeantworter oder der Haushälterin gar,  parlieren. Eine kostenträchtige
Zeitvergeudung. Deshalb wäre es doch - was? - gewitzter, ja pfiffiger erst später
anzurufen."
 "Und wenn er später auch nicht da ist?" argumentierte Dr. Lohner noch unverdrossen.
 "Dann wäre natürlich jedes Anrufen sinnlos, dann würden wir ihn später auch nicht
telefonisch erreichen."
 "Aus ganz genau diesem Grund müssen wir doch versuchen, ihn jetzt zu sprechen.
Es ist doch möglich, daß er jetzt noch zuhause ist, später aber schon gegangen!"
Nun zeigte der Doktor einen gewißen Unmut darüber, daß die Gesetze der Logik im
Hause von Schwanewalde nicht so mächtig waren, wie sie sein sollten.
 "Es - was? - könnte zwar eventuell so sein, wie sie uns hier einreden wollen, lieber
Doktor, muss aber nicht. "Der Graf kannte kein Erbarmen nicht. "Und wenn ich
was?- bedenke wie durchaus mit Kosten verbunden heutzutage ein Telefongespräch
heutzutage ist, so schein mir Gewißheit vonnöten, ehe unnütz - was?- mein gutes
Geld verplempert wird, nur um sinnlose Gespräche mit Haushälterinnen zu führen,
die besser ihre Hausarbeit erledigen sollten."
 "Der Pastor kommt doch sowieso vor der Hochzeit noch hierher", munter versalzte
die Gräfin weiter die Suppe des klaren Gedankens "und wenn er hier ist, können wir
ja ganz sicher sein, daß er nicht zuhause ist und müssen ihn dann auch nicht mehr
dort anrufen und uns das Gerede seiner, wie ich finde, überaus unsympathischen
Haushälterin anhören."
 "Richtig - was? - nur kein überflüßiges teures Telefonat!"
 "Trotzdem werde ich jetzt sofort bei ihm anrufen!" Dr. Lohner schien äußerst unzu-
frieden über den Disput und hielt sich beide Ohren zu. "Die Kosten des Ortsgesprächs
erstatte ich ihnen selbstverständlich. Dafür komme ich auf!"
 "Aber ich bitte sie, Doktor. Der Anruf geht selbstverständlich auf meine Kappe.
Ein Ortsgespräch, was? Wenn sie also partout glauben, es sei nötig, und jeder noch
so vernünftige Einwand sie nicht - was? - davon abbringen kann, will ich sie nicht
hindern. Das liegt mir fern. Wiewohl sie sich vielleicht doch noch einmal die -was?-
Bedenken, die ich und Emilie haben, eindringlich vor Augen halten sollten und erst
dann entscheiden....was? Aber wo laufen sie denn hin?"
 Dr. Lohner hatte eiligst das Weite gesucht.
 "Ein starrköpfiger Geselle", mokierte sich die Gräfin, als der Arzt geflohen war.
"Und seltsamer denn je!"
 "Mit seinen fünfundvierzig Jahren erweist er sich - was? - offenbar noch immer
vielen vernünftigen Überlegungen unzugänglich!"
 Sophie sah sich veranlaßt, ihren zukünftigen Ehemann in Schutz zu nehmen und
sprang tapfer in die Bresche, die ihre Eltern so vehement geschlagen hatten. Der
eigentliche Grund für dies Verhalten war aber eher in ihrem schlechten Gewissen
zu suchen, als das es einem ehrlichen Empfinden entkroch. "Bitte versetzt euch doch
einmal in seine verzwickte Lage: Er wird erpreßt, noch dazu von einem gemeinen
Erpresser, das zehrt natürlich an seinen Nerven. Das zehrt, sage ich euch!"
 "Was? Was? Gerade das bemängel ich doch!" rief der Graf und der falsche Bart
staubte unheilvoll, "Er wird erpreßt und muß viel viel Geld zahlen, ergo ist doch
gerade dann so wichtig, den Pfennig zu hüten und jedes überflüßige Telefonge-
spräch zu vermeiden."
 "Vater, du hast recht", besänftigte ihn Sophie wieder einmal "aber seine nervliche
Anspannung mag so manches entschuldigen."
 "In schwierigen Lebenslagen ist es - was? - doch die besondere Pflicht des guten
Mannes einen kühlen, klaren Kopf zu bewahren."
 "Kind, Kind, ich fürchte um dein Glück mit diesem Mann." Die Gräfin nahm Sophies
Hand in beide Hände. "So ein Starrkopf!"
 "Du weißt noch nicht, daß er sich Geld von mir leihen will, Sophie." Unvermittelt
rückte der Graf damit heraus. "So ist es aber, Sophie."
 Die Tochter nickte. "Doch, Vater, ich weiß davon."
 Verwundert schnackerte der Graf mit beiden Backen. "Was? Was? So hat er sogar
dir davon erzählt? Ja, weiß denn der Mann nicht, welche Geheimnisse er vor den
Weibern für sich behalten muß?"
 "Er will zweieinhalb Prozent Zinsen zahlen,Vater. So sagte er mir gestern jedenfalls."
 Die Miene des Grafen erhellte sich augenblicklich, als sei am Morgen schon die
Mittagssonne am Himmel. "Was? Zweieinhalb Prozent, sagst du, will er? Hohoho!
Das ist natürlich wenig, aber durchaus allerhand. Was? Das ist diskussionswürdig!
Wenn auch längst noch nicht angemessen. Was? Das ist ja klar."
 Der Graf lachte ekelhaft in sich hinein, bis Dr. Lohner zurückkehrte. Er setzte sich
schweigend an den Tisch. Die drei Adeligen beobachteten schweigend, wie er ein
Brötchen aus der Schatulle nahm und dick mit Margarine beschmierte.
 "Nun?", fragte der Graf nach einer Weile spitz.
 "Er ist nicht zuhause." Dr. Lohner stand vor Waterloo. Er griff geschlagen zur
Ketchupflasche und schüttete den zähen Tomatensud fingerdick aufs wehrlose
Brötchen. "Ich werde später nochmal versuchen, ihn zu erreichen." Schließlich
hatte Napoleon es ja auch noch mal versucht! Ja hatte er nicht nach Waterloo
sein mentales Dünkirchen fast als imaginäres Tannenberg bewältigt? Trotzdem
ist er schon lange tot. Und mit ihm manche alte Gewißheit.
 Triumphierend schaute der Graf in die Runde und trat den am Boden liegenden
in die Weichteile. "Wußtest du es nicht schon vorher, Emilie? Was? Sagtest du es
nicht gleich, Sophie? Was? Und waren meine Einwände so unbegründet?"
 Dr. Lohner blieb nur, diesen Hohn zu ignorieren. Wie geistesabwesend starrte er
auf das gottverlassene Brötchen in seiner Hand und biß dann schnell und kräftig
hinein. Der Ketchup quoll aus allen Seiten und tropfte in seinen Vollbart.
 Sophie schaute ihm dabei zu, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Der berühmte Hirn-
chirurg, gierig und unhygienisch ein Brot reißen, dieser Anblick rührte sie schon
unangenehm.
 Daher also die Röte seines Bartes, wurde ihr auf einmal bewußt, es war nicht eine
natürliche, es war nicht genetisch bedingt, was ja so manches verzeihen läßt, nein,
es war die Nachgeburt von zigtausend sabbernd verzehrten Broten mit Ketchupmatsche
beschmiert. Sophie würgte es bei dieser plötzlichen Erkenntnis.
 Und wie aus dem nichts erschien die blonde, lockige Pracht von Achims Bart vor
ihrem geistigen Auge, und sie lächelte wehmütig.
Schweren Herzens hatte sich der junge Mann damit abgefunden, daß er sich ohne
fremde Hilfe nicht von seinen Fesseln würde befreien können. Wieder überkam ihn
ein Gefühl der Ohnmacht, ja Hoffnungslosigkeit. Es war alles dahin, nichts konnte
er tun, außer hier zu liegen und der sicher unguten Dinge zu harren, die auf ihn   
zukommen würden.   
 Auf einmal war hm, als ob ein Schatten am Fenster vorbeigehuscht wäre. Der erste    25.4.
Gedanke war natürlich, durch laute Geräusche auf sich aufmerksam zu machen.    
Vielleicht nahte Hilfe. Ein Instinkt gemahnte ihn indes, besser Vorsicht walten zu lassen   
und still liegen zu bleiben. Besser ist immer der Teufel, den man kennt.   
 Knarrend öffnete sich die klapprige Tür des Gartenhäuschens. Der junge Mann schloß   
geistesgegenwärtig beide Augen. Ich stell mich bewußtlos, ich stell mich schlafend,   
dachte er, vielleicht ergibt sich dann später eine Gelegenheit, um die Augen zu öffnen   
und die Identität des Mysteriösen zu erkennen, ohne das derjenige es bemerkte. Es   
gehörte eine große Portion Überwindung dazu, nicht der Neugier nachzugeben, denn   
die war sehr groß.    
 "Gut, er liegt da noch", brummelte der Unbekannte vor sich hin. Offenbar war er ein   
Mann der gerne mit sich selbst sprach. Dem Geschepper und Geklapper nach machte    
er sich in der Ecke des Gartenhäuschens zu schaffen. Was trieb er dort bloß? Noch   
wagte der junge Mann nicht ein Lid zu heben.   
 Endlich siegte dann doch die unbezähmbare Neugierde. Er nahm allen Mut zusammen.
Langsam öffnete er sein rechtes Auge.
 Verschwommen sah er noch einen Prügel auf sich niedersausen, spürte einen kurzen,
heftigen Schmerz und verlor wieder sein Bewußtsein.
 "Sicher ist sicher", brummte der Fremde zufrieden und legte den dicken Holzhammer
beiseite.
 "Was? Wie bitte, waswas?" Graf Harro von Schwanewalde schien entsetzt. "Doktor,
ich bitte sie! Nur ein Prozent? Sie wollen nur ein Prozent Zinsen zahlen für eine
so - was?- überaus bedeutende Summe wie 500,000 sind? Incroyable!"
 "Ja, ein Protent, ich finde diesen Zinssatz schon enorm genug", entgegnete der
Hirnchirurg kühl.
 "Aber guter Mann, sie trachten mich zu - was? - ruinieren, was? Dennoch werde ich
ihnen ein wenig entgegenkommen: Nun gut, 15 Prozent!"
 "Gute Güte, Graf!". Dr. Lohner wurde ernsthaft böse. "Bitte seien sie doch etwas realis-
tisch: 15 Prozent für einen Kredit mit einer Laufzeit von maximal drei Tagen! Das
ist doch blanker Wucher, nichts weiter! Keine Babk der Welt hätte die Stirn, soviel
zu verlangen!"
 "Nehmen sie bitte - was? - zur Kenntnis, daß ich kein Kreditinstitut betreibe. Im
Interesse meiner guten Tochter - was? - indes will ich ihnen wohl den großen
Gefallen tun und ihnen mit dieser immensen Summe aushelfen. Allein - was? -
die Bedingungen sollten schon fair sein."
 "Herr Graf,  ihrer Kulanz  bin ich mir durchaus bewußt, nur schein mir ihre Forderung
maßlos bei dem doch recht geringen Risiko. Aber, nun gut: Zwei Prozent! Mein letztes
Wort!"
 "Auch ich werde ihnen selbstverständlich - was? - entgegenkommen, ein letztes Mal
allerdings, nota bene!" Provozierend als ob gelangweilt lehnte sich der Graf zurück.
" Ich sage: 14 Prozent!"
 Dr. Lohner raufte sich den Backenbart. "Vierzehn Prozent!!! Graf! Sie meinen das
doch nicht ernst? " Ein Blick auf den bräsigen Graf brachte ihn allerdings wieder in
die Realität zurück. Er war geschlagen, besiegt, ein Verlierer! "Welch ein Zinssatz!
Kriminell, bösartig, aberwitzig, unanständig! Aber gut,  die Zeit läuft mir davon,
deshalb nun mein allerletztesWort: drei Prozent!"
 Der letzte Buchstabe war noch nicht verklungen, da sprang der alte Graf auch schon
auf. "Abgemacht! Abgemacht! Drei Prozent sind abgemacht!" Wie Rumpelstilzchen
ums Feuer sprang er im Zimmer herum. "Mit drei Prozent bin ich einverstanden!"
Er triumphierte wie Italien nach einer unverdienten Weltmeisterschaft. "Ha,ha, drei
Prozent! Ein vorzügliches Geschäft!"
 Dr. Lohner merkte natürlich sofort, daß er zu weit gegangen war, die dreiste Freude
seines Konkurrenten ärgerte ihn maßlos, und er versuchte, seinen Fehler kleiner zu
machen. "Pardon, lieber Graf, ich habe mich versprochen, ich meinte selbstverständ-
lich 2,3 %, nicht etwa 3! 2,3 nicht 3!!"

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